Leichter gelesen – besser informiert?

Leicht lesbare Informationen sind gefragt – für Zugewanderte und Deutschlernende, für Menschen mit Behinderungen sowie für eine breitere Öffentlichkeit. Worin aber besteht ihr Wert für die Leser? Inwiefern sind die Texte leichter lesbar? Können sie sogar besser informieren als Angebote in Standardsprache? Um diesen Fragen nachzugehen, wollen wir die leicht lesbaren Texte in der Multisprech-Sammlung Einfach lesen und Einfach für alle genauer untersuchen.

Wir haben 90 Informationen in leicht verständlicher Sprache ermittelt (vgl. Übersicht). Erfasst werden einzelne Veröffentlichungen, Info-Reihen und Nachrichtenportale; nicht enthalten sind literarische Texte. Überraschend ist der hohe Anteil eigenständiger Informationen, also leicht verständlicher Originaltexte. Weit geringer sind Übertragungen von vorhandenen Veröffentlichungen: als leicht verständliche Kurzfassung oder Langfassung oder erläuternde Begleitfassung. Die Grafik unten zeigt die genaue Verteilung der Angebote.

Sind eigenständige Informationen mehr gefragt als Übertragungen?

Es gibt sicher verschiedene Gründe, weshalb leicht verständliche Informationen so häufig als Originaltexte angeboten werden. Unsere Übersicht legt zumindest folgende Fragen nahe:

Ist es leichter (oder kostengünstiger), Info-Texte neu zu schreiben als zu übertragen? Eröffnet ein neuer Text mehr gestalterischen Spielraum als eine Übertragung? Diese Beweggründe könnten bei leicht verständlichen Nachrichtenportalen maßgeblich sein: Fast alle dieser Portale geben eigene Nachrichtentexte heraus (nur kurier.at in einfacher Sprache bietet Nachrichten mit Link zum Originaltext an). Auch bei Führern durch Städte oder Ausstellungen überwiegen eigenständige Info-Texte.

Werden leicht verständliche Informationen nachgefragt, wo es keine geeigneten Standardtexte gibt? Naheliegend wären Themen, die vor allem Menschen mit Behinderungen interessieren. Doch die meisten eigenständigen Angebote sind für einen breiten Leserkreis bestimmt: vor allem sind das fachliche Informationen und/oder Ratgeber zu vielen Sachgebieten (Arbeit, öffentliches Leben, Politik, Gesundheit, Kultur – vgl. Übersicht).

Welcher Typ von Standardtexten wird dann vorzugsweise übertragen? Aus unserer Übersicht zeichnen sich vor allem zwei Bereiche ab: Gesetze/Verordnungen und Wahlprogramme von Parteien. Sie sollen wichtige, aber nicht allgemein verständliche Informationen barrierefrei an alle Bürger übermitteln. Doch auch fachliche Informationen, Ratgeber oder Ausstellungsführer werden in leicht verständliche Fassungen übertragen. Mitunter sind sie von den eigenständigen Angeboten kaum zu unterscheiden.

Was können Übertragungen leisten?

Standardtexte lassen sich auf unterschiedliche Weise übertragen: In unserer Übersicht gibt es leicht verständliche Begleitfassungen, Kurzfassungen oder Langfassungen. Wovon hängt die Wahl ab?

Gewiss spielt der Schwierigkeitsgrad des Originals eine Rolle. Gesetzestexte, die schon geübte Leser kaum verstehen, werden meist in Begleitfassungen erläutert. Ohnehin ist bei diesen Texten nur das Original verbindlich. Bei Wahlprogrammen hingegen, die oft wegen ihrer Länge und Wortfülle schwer lesbar sind, werden Kurzfassungen bevorzugt. Andererseits finden wir anspruchsvolle Themen mit wichtigen Details, wie die Nutzungsbedingungen von Paypal oder die Webseite zur Gedenkstätte deutscher Widerstand, in Langfassung übertragen. Der Schwierigkeitsgrad ist also nicht allein maßgebend.

Welche Übertragungsart günstig ist, hängt viel mehr von folgenden Fragen ab: Was ist das Anliegen der leicht verständlichen Fassung? Wie kann sie die Botschaft des Originaltextes am besten vermitteln? Was soll sie bei den Lesern erreichen? Inwiefern kann sie besser informieren als der Originaltext?

Sehen wir uns einige Beispiele an. Mit dem „Grundgesetz: Einfach erklärt“ sollen die Bürger angeregt werden, ihre Rechte kennen zu lernen und zu gebrauchen. Hierfür eignet sich die Begleitfassung. Hingegen soll der leicht lesbare Aktionsplan der UN-Behindertenrechtskonvention gleichwertig informieren und die Leser befähigen, auf Augenhöhe zu diskutieren. Ebenso kommt es beim RefugeeGuide: Orientierungshilfe für das Leben in Deutschland auf konkrete Einzelheiten an. Entsprechend werden die Inhalte vollständig übertragen (Langfassung).

Mit leicht verständlichen Wahlprogrammen wollen die Parteien recht viele Stimmen gewinnen. Das gelingt am besten mit Kurzfassungen, die sich auf konkrete Forderungen der Partei konzentrieren und die Leser auch persönlich ansprechen. Im CDU-Wahl-Programm zum Beispiel stehen unmittelbare Interessen der Wähler im Mittelpunkt. Noch engagierter geht das UN-Aktionsprogramm 17 Ziele für eine bessere Welt auf die Bürger zu: Die Begleitfassung in Leichter Sprache erläutert die ursprünglich abstrakten Ziele kurz und konkret, oft in Wir-Sätzen, und jeweils ergänzt durch ein persönliches Beispiel in Ich-Form.

Wie unterscheiden sich die Informationen im Sprachniveau?

Bisher haben wir insgesamt von leicht verständlichen Informationen gesprochen. Dahinter verbergen sich unterschiedliche Sprachvarianten. In den untersuchten Übertragungen reichen sie von Leichter Sprache (LS) über Leicht Lesen (LL) bis zu Einfacher Sprache (ES) – vgl. ABC der Einfachen Sprache. Teilweise beziehen sich diese Varianten, insbesondere Leicht Lesen, auf bestimmte Niveaustufen (vgl. Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen). Doch insgesamt sind die Grenzen zwischen den Varianten fließend, und nicht immer ’steckt drin, was drauf steht‘ (siehe Infos für alle.)

Es ist daher sinnvoll, zunächst ganz allgemein zu ermitteln, wie verständlich die Informationen sind. Wir haben dazu die Software TextLab mit dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex herangezogen. Dieser Index erfasst wesentliche Hürden in Texten: lange und komplexe Sätze sowie lange Wörter. Auf der Index-Skala beginnen ‚verständliche‘ Texte mit dem Wert 10, und der Zielwert für leicht verständliche Texte liegt bei 18 bis 20. Dabei unterscheiden sich Informationen in ‚Einfacher‘ und ‚Leichter Sprache‘ nur geringfügig, viele sind Mischformen. Das hatten wir schon in einer früheren Analyse (Einfach oder leicht getextet?) festgestellt.

Die Übertragungen, die wir untersucht haben, erreichen fast alle den hohen Zielwert (18 bis 20), zumindest aber den Wert 16. Sie übertreffen damit deutlich die entsprechenden Originale in Standardsprache, die zumeist einen Index unter 10 aufweisen. Am markantesten ist der Index-Sprung von 4 auf 20 (Gedenkstätte deutscher Widerstand) bzw. von 5 auf 19 (Deutsches Hygiene-Museum Dresden).

Interessant ist zudem, wie leicht verständliche Informationen mit einer anderen Verständnishürde – schwierigen Wörtern und Fachbegriffen – umgehen. Die Lösungen sind vielfältig und formal unabhängig von der Sprachvariante. Bei den untersuchten Übertragungen  finden wir Begriffserklärungen im laufenden Text (ES, LS) oder in einem Kasten unter/neben dem Textabschnitt (ES, LL, LS) oder per Link erreichbar (LS) oder in einer angehängten Wörterliste (LL, LS). Mit diesen Begriffserklärungen wird der Text informativer als die ursprüngliche Fassung. Welche Begriffe allerdings ausgewählt und wie sie inhaltlich erläutert werden, hängt in vielen Fällen vom angestrebten Sprachniveau ab.

Fazit

Wir haben 90 leicht lesbare Informationen, insbesondere die Übertragungen von Originaltexten, näher betrachtet. Was können diese Informationen leisten? Viele von ihnen erschließen neue Themen, andere machen schwer lesbare Originale zugänglich. Die untersuchten Übertragungen erreichen einen hohen Grad der Verständlichkeit, und sie legen großen Wert auf die Klärung schwieriger Begriffe. Darüber hinaus bieten viele Informationen eine leserfreundliche Gestaltung der Texte.

All diese Qualitäten sprechen Leser an, denen die üblichen Veröffentlichungen zu schwierig sind. Die Leser können sich mit verständlich aufbereiteten Texten besser informieren. Günstig hierfür ist natürlich, wenn Lektüre und Leser im Sprachniveau zusammenpassen. Doch letztlich ist entscheidend, wie einfallsreich und sorgfältig ein Text gemacht ist. Je gelungener die Information, um so mehr Leser zieht sie an. So dürften selbst geübte Leser das Kurzwahlprogramm der SPD (in Einfacher Sprache) interessant finden, und die 17 Ziele für eine bessere Welt (in Leichter Sprache) können zu „Fridays for Future“ mobilisieren!

Sabine Manning

Quelle:
Multisprech/Manning: Info-Texte in leicht verständlicher Sprache – vergleichende Übersicht

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