Pidgin für Profis

Schönheit, Mode oder partnerschaftliche Beziehungen spielen im Internet und besonders in Frauenzeitschriften eine große Rolle. Dem deutschen Sprachnutzer sind dabei viele eigenwillige Wortschöpfungen nicht von vornherein verständlich. Es sind vor allem die Anglizismen, die oft für Verwirrung sorgen.

Woman Gives Side Eye to Manspreading – Richard Yeh / WNYC flickr CC-Licence
[https://www.flickr.com/photos/wnyc/20636768666/]
[https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/legalcode]

„Pidgin für Profis“ ist die Überschrift eines Berichts über die Berliner Modewoche (Potsdamer Neueste Nachrichten 22.01.16). Der Begriff Pidgin/s entstand in Kolonialzeiten für die nützliche Mischung von Wörtern mit der Sprache der Kolonisatoren – „…choppy strings of words borrowed from the language of the colonizers or plantation owners, highly variable in order and with little in the way of grammar.“ (Stephen Pinker. The Language Instinct. Penguin 1994, S. 33). Sprachforscher haben sich frühzeitig damit befasst. Die heutige Bedeutung ist längst nicht mehr nur im Bereich der Linguistik angesiedelt. Es gibt inzwischen keinen Lebensbereich, in dem nicht anglisiertes ‚Kauderwelsch‘ gesprochen wird. Das ärgert viele, aber ich finde, man sollte die zahllosen „Missbildungen“, denen man in der Presse, im Internet oder in der Werbung begegnet, als good fun betrachten und sie gegebenenfalls der Lächerlichkeit preisgeben. Werbesprache oder journalistische Sprachspiele können dabei sehr ergiebig und unterhaltsam sein.

So haben zum Beispiel zwei bekannte Bekleidungsfirmen für ungepaddete BHs (nicht unterfüttert; Ernsting’s Family Februar 2016) und BHs mit gemoldeten cups (Formkörbchen; Heine Katalog 2016) geworben. Es ist nicht sicher, ob man die faven oder liken würde (Zeitschrift PETRA Juli 2016; to favour: bevorzugen und to like: gut finden), wenn ein influencer (privater Werbeträger, to influence: beeinflussen) sie in einem Tweet (Kurznachricht über das soziale Netzwerk Twitter) oder Blog (öffentliches Log-/Tagebuch, Wortmischung: web+log) anpreist.

Die Diskussion über solche Themen entwickelt sich häufig zum tweetathon (Tweet + Marathon). Dabei geht es zum Beispiel um Liebe auf den ersten Klick (Reisebericht in Zeitschrift myself 2014), unappetitliches underskirting (auch upskirting: voyeuristisches Unter-den- Rock-gucken, meist mit einem Smartphone), um body-shaming (herablassend spöttische Bewertung des – vor allem weiblichen – Körpers), oder den revenge body (revenge: Rache, body: Körper), der in Fitness-Studios so getrimmt wird, dass dem Ex endlich bewusst wird, was für eine attraktive Frau er verlassen hat.

Bei Beziehungsproblemen nehmen die so genannten life hacks (Lebenskniffe, Alltagstips) einen wichtigen Platz ein. Wie verhält man sich z.B. wenn der Partner ghostet (ghost: Geist, Gespenst)? Da er ohne Ankündigung spurlos verschwunden ist, hätte man vorher LAT (Living Apart Together: getrennte Wohnungen) anstreben sollen? Das Leben im Dschungel (TV-Serie ‚Ich bin ein Star…‘) wäre keine Lösung, auch wenn es da täglich eine ‚Bloody Mähry‘ gäbe (Wortspiel: der Cocktail Bloody Mary und Määh: umgangssprachlich für ‚dummes Schaf‘). Binge viewing/ binge watching, laut Google auch ‚Komaglotzen‘ (binge: Saufgelage), würde nur zeitweilig trösten.

In der so genannten Chick Literature (anspruchslose Literatur für ‚Mädels‘, chicken: Huhn, Kücken) ist nach wie vor die starke Schulter des verständnisvollen Mannes der romantische Ausweg, auch wenn typisch männliche Verhaltensweisen wie manspreading (to spread: spreizen; breitbeinig sitzen) oder mansplaining (to explain: erklären, Mann erklärt herablassend komplizierte Zusammenhänge) mit der Zeit ein wenig nerven. Der raumgreifenden Sitzpose in öffentlichen Verkehrsmitteln kann man jedoch mit she-bagging begegnen, indem man die (möglichst große) Handtasche auf den Sitz neben sich stellt.

Eine etwas auffälligere Methode der Ablehnung wäre der fuck you slap (Applaus, fuck you: sexuelle Beleidigung, slap: mit der offenen Hand schlagen, klatschen), der von Nancy Pelosi, der bekannten US-amerikanischen Politikerin der Demokratischen Partei, im Kongress praktiziert wurde. Sie spendete dem Präsidenten mit ausgestreckten Armen und herausfordernder Haltung Beifall, als er in seiner Rede auf die hohe Zahl der weiblichen Abgeordneten zu sprechen kam. Viele solcher demonstrativ zur Schau getragenen Verhaltensweisen kann man eigentlich nur mit einem facepalm (Internetjagon, laut Wikipedia) quittieren. Bei dieser Geste bedeckt man schamvoll das Gesicht bzw. die Augen mit der flachen Hand (face: Gesicht + palm: Handfläche).

So manche neu entstandenen Wörter oder Wendungen mag man ablehnen, aber die Kreativität der Internetgeneration ist oft wirklich erstaunlich. Im Grunde könnte man hier, wie bei pidgin, den sprachwissenschaftlichen Begriff der pidginization ebenfalls umgangssprachlich erweitern.

Alles in allem, die folgende Titelzeile eines Songs der südafrikanischen Folkrock-Gruppe Four Jacks and A Jill, der 1968 auch international sehr erfolgreich wurde, trifft genau die resignierende Reaktion älterer Sprachnutzer – It’s a Strange, Strange World We Live in, Master Jack!

Gastbeitrag von H. Wedde

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