Einfach oder leicht getextet?

Ein Test zum Vergleich von Texten in Einfacher und Leichter Sprache 

Wer schreibt Texte in Einfacher Sprache, um Menschen das Lesen zu erleichtern? Oft sind es Autoren, die auch Texte in Leichter Sprache für Menschen mit Lernbehinderung schreiben. Sie erschaffen mit Einfacher Sprache eine flexiblere Struktur, die sich grammatisch und stilistisch an der Standardsprache orientiert. Einfache und Leichte Sprache kommen also oft aus der gleichen ‚Schreibwerkstatt‘. Auch die verwendeten Regeln hängen eng miteinander zusammen (vgl. Hauptsache verständlich!). Wieweit aber ähneln bzw. unterscheiden sich die geschaffenen Texte?

Um das zu erkunden, haben wir  eine Software zur Sprachprüfung – das TextLab – genutzt (vgl. Einfach mal prüfen!). Diese Software testet Texte auf Verständlichkeit. Analysiert haben wir 18 Texte, davon 11 in Einfacher und 7 in Leichter Sprache. Sie stammen von insgesamt 15 Anbietern, die ihre Texte selbst als Einfache bzw. Leichte Sprache ausgewiesen haben (vgl. Anlage). Einbezogen sind Literatur, Blogbeiträge, Nachrichten und Sachtexte, jeweils zu verschiedenen Themen. Geprüft haben wir die Texte nach Kriterien, die im TextLab für die verständlichste Sprachstufe (als „Leichte Sprache“ bezeichnet) verfügbar sind.

Zuerst hat uns interessiert, wie „verständlich“ die Texte sind. Dafür zeigt das TextLab einen Index an, der auf sprachlichen Parametern beruht. Auf der Skala von 0 (überhaupt nicht verständlich) bis 20 (maximal verständlich) soll Leichte Sprache mindestens die Marke 18 erreichen.

Unser Test zeigt (Grafik 1 + Anlage), dass die Indexwerte für Einfache und Leichte Sprache dicht beieinander liegen: Die Mittelwerte betragen 18 (ES) bzw. 18,5 (LS); die Werte der einzelnen Texte reichen in beiden Fällen (ES/LS) von 17 bis 20.

Die Texte beider Gruppen (ES/LS) sind also in hohem Maße verständlich. Dass sie sich dabei kaum voneinander abheben, mag zunächst überraschen. Doch dieser Befund erklärt sich teilweise aus dem relativ kleinen Indexbereich (18-20) für bestverständliche Texte. Vor allem aber wirken im Indexwert viele sprachliche Merkmale zusammen. Es bietet sich daher an, Texte auf einzelne Merkmale hin zu prüfen.

Für den Test haben wir besonders aussagekräftige Merkmale ausgewählt. Sie markieren Hürden für das Textverständnis bzw. Grenzwerte, die möglichst wenig oder selten überschritten werden sollten. Sie sind eher auf Leichte Sprache orientiert, doch auch für Einfache Sprache nutzbar. Hier sind die Merkmale [mit Kurzbezeichnung für unseren Test]:

  • Wörter mit mehr als 10 Buchstaben [lange Wörter]
  • Fremdwörter (Wörter nicht-deutscher Herkunft) [Fremdwörter]
  • Sätze mit mehr als 12 Wörtern [lange Sätze]
  • Sätze mit mehr als 1 Informationseinheit (z.B. Haupt-/Nebensatz, Reihung von Satzgliedern, Ausdrücke in Klammern) [mehrteilige Sätze]
  • Sätze im Passiv [Passiv-Sätze]

Das TextLab ermittelt zu jedem Merkmal die gefundenen Wörter bzw. Sätze.  Dazu wird angezeigt, wie hoch der prozentuale Anteil der jeweiligen Wörter bzw. Sätze in einem Text ist (z.B. die Anzahl der gefundenen langen Wörter als Prozent aller Wörter, oder die Anzahl der gefundenen Passiv-Sätze als Prozent aller Sätze).

Zunächst wollten wir herausfinden, wie sich die Texte der Einfachen und Leichten Sprache bei den einzelnen Merkmalen unterscheiden: Wie hoch ist der mittlere (durchschnittliche) Anteil in den beiden Textgruppen? Der Test hat Folgendes ergeben (vgl. Grafik 2 + Anlage):

  • Der mittlere Anteil bei langen Wörtern bzw. Fremdwörtern ist in beiden Textgruppen nahezu gleich.
  • Der mittlere Anteil bei langen Sätzen, mehrteiligen Sätzen bzw. Passivsätzen ist in der Textgruppe der Einfachen Sprache höher als in der Textgruppe der Leichten Sprache.

Aus diesem Test können wir festhalten, dass sich die beiden Textgruppen (ES/LS) kaum bei den Wörtern, wohl aber bei den Sätzen unterscheiden. Gemessen haben wir allerdings nur den jeweiligen Anteil in der gesamten Textgruppe. Wieweit gehen nun die einzelnen Texte innerhalb einer Gruppen auseinander? Unser Test (Grafik 3 + Anlage) zeigt die Spanne vom niedrigsten zum höchsten Anteil pro Merkmal in jeder Gruppe. Das Ergebnis lässt sich etwa so zusammenfassen:

  • Fast alle Merkmale beginnen mit einem Anteil von Null:  In beiden Gruppen findet man z.B. Texte, die KEINE langen Wörter oder langen Sätze oder Passiv-Sätze haben.
  • Nur bei mehrteiligen Sätzen unterscheiden sich die niedrigsten Anteile in beiden Gruppen: In Leichter Sprache gibt es Texte ohne mehrteilige Sätze, doch in Texten der Einfachen Sprache ist mindestens jeder fünfte Satz mehrteilig.
  • Die höchsten Anteile bei den Wörtern (lange WörterFremdwörter) sind in beiden Gruppen fast gleich. Doch bei den Sätzen (lange Sätze, mehrteilige Sätze, Passiv-Sätze) erreichen Texte der Einfachen Sprache viel höhere Anteile als Texte der Leichten Sprache.

Aus dem Vergleich der Merkmale geht hervor, dass die Einfache Sprache  einen viel größeren Spielraum ausschöpft als die Leichte Sprache. Doch zugleich zeigt sich ein gemeinsamer Bereich bei beiden Sprachvarianten: Texte, die kaum lange Wörter, Fremdwörter, lange Sätze, mehrteilige Sätze oder Passiv-Sätze haben. Tatsächlich muss man bei einigen Texten schon genauer hinsehen, ob sie in Einfacher oder Leichter Sprache geschrieben sind.

Insgesamt belegen die Testergebnisse, was wir bereits beim Vergleich der Regeln für beide Sprachvarianten (Hauptsache verständlich!) ermittelt haben: wie eng Einfache und Leichte Sprache miteinander verbunden sind. Die fünf Merkmale bieten konkrete Anhaltspunkte für diesen Befund. Allerdings bilden sie bei weitem nicht die gesamten Ausdrucksmittel der Sprache ab. Erstrebenswert wäre es, die Texte nach weiteren Kriterien zu analysieren und ihre Wirkung auf die Zielgruppen zu erfassen. Gern würden wir vorliegende oder geplante Untersuchungen dieser Art kennen lernen!

Sabine Manning

Anlage:  Vergleich von Texten in Einfacher und Leichter Sprache: Prüfung im TextLab auf sprachliche Merkmale (Ergebnisse des Vergleichs; Übersicht der Texte) – Multisprech/Sabine Manning 29.08.2018

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