Wie verständlich reden wir? KlarCheck prüft auf Einfache Sprache

Vorwort

Bisher bemühen wir uns vor allem, einfach zu schreiben. In den DIN-Normen bezieht sich Einfache Sprache auf schriftliche Kommunikation, insbesondere Sachtexte. Wie aber nutzen wir Einfache Sprache in Diskussionen, Vorträgen oder Interviews, also beim Reden?
Das Reden erscheint zunächst einfacher als das Schreiben: Beim Reden haben wir mehr Möglichkeiten, ein Thema zu vermitteln: Unser mündlicher Ausdruck, unsere Mimik und Gestik und unsere Interaktion mit den Anwesenden erleichtern das Verständnis. Beim Schreiben hingegen sind wir auf begrenztere Mittel der Textgestaltung und Illustrationen angewiesen.
Anders sieht es beim Hören und Lesen aus: Beim Hören muss man dem Redetempo folgen und alles auf einmal erfassen. Beim Lesen hingegen kann man das Tempo wählen und sich im Text hin- und herbewegen. Insofern kann das Hören schwieriger als das Lesen sein.
Beim Reden wie beim Schreiben ist aber letztlich entscheidend, wie verständlich Inhalt und Sprache sind. Aus unserer Sicht kann Einfache Sprache das Reden ebenso wie das Schreiben unterstützen, vor allem auf Wort- und Satzebene. Wieweit das in der Praxis gelingt, werden wir im folgenden Beitrag untersuchen. Dabei hilft uns das KI-Modell KlarCheck, mit dem wir mündliche wie schriftliche Beiträge auf Einfache Sprache prüfen können (siehe Beitrag über KlarCheck und GPT KlarCheck-Direkt).
Hier sind unsere Leitfragen für die Analyse:

Prüfen von Redebeiträgen auf Verständlichkeit

Wir haben untersucht, wie verständlich Fachleute für Kommunikation mündlich kommunizieren. Dazu haben wir 14 Redebeiträge von Profis in drei Kontexten analysiert:

  • Diskussionsbeiträge in Veranstaltungen unter Fachleuten
  • Vorträge anhand von Folien oder als Video für bestimmte Zielgruppen
  • Interviews in Podcasts oder Videos für einen breiten Interessentenkreis

In allen drei Kontexten reden die Profis über Themen zu Sprache und KI. Dabei spielen unterschiedliche Aspekte der Kommunikation hinein. Diskussionsbeiträge erfordern klare Gedanken und Formulierungen, Vorträge sollten sprachliche Hürden vermeiden, und Interviews punkten mit ansprechendem Redestil.

Wir versuchen in unserer Analyse, diese Aspekte in ihrer Gesamtheit zu berücksichtigen. Außerdem vergleichen wir die Redebeiträge mit schriftlichen Beiträgen der Profis. Mit dem KI-Modell KlarCheck haben wir alle Beiträge auf 5 Merkmale geprüft, die die Verständlichkeit beeinträchtigen:

  • Lange und komplexe Sätze
  • Passiv-Ausdrücke
  • Lange Wörter
  • Fach- und Fremdwörter
  • Floskeln und Füllwörter

Mit dieser Analyse wollen wir folgenden Fragen nachgehen: Sind die mündlichen Beiträge der Profis verständlicher als die schriftlichen? Welche Hürden treten in Redebeiträgen auf? Und wie können Profis verständlicher reden? Hier sind unsere vorläufigen Ergebnisse.

Wir beginnen mit einer typischen Situation: Viele Profis in der Kommunikation schreiben Fachbeiträge und diskutieren über diese Themen in ihren Fachkreisen. Wie unterscheiden sich ihre Diskussionsbeiträge (in Fachkreisen) von ihren Artikeln (in Blogs oder Zeitschriften)? Wo treten mehr Verständnishürden auf? Wir haben mündliche und schriftliche Beiträge von fünf Personen analysiert. In der folgenden Grafik sind die Ergebnisse festgehalten.

Grafik 1

Erläuterungen zu Grafik 1 im Anhang

Worin unterscheiden sich Diskussionsbeiträge und Artikel? Die Verständnishürden sind bei Diskussionsbeiträgen weniger ausgeprägt. Die Anteile von Passiv-Ausdrücken und langen Wörtern sind sogar deutlich geringer. Nur Floskeln und Füllwörter treten bei Diskussionsbeiträgen häufiger auf.

Die erste Bilanz für Diskussionsbeiträge fällt also günstig aus. Doch wie verständlich sind diese Beiträge gemessen an Einfacher Sprache? Wir haben für diesen Vergleich drei Mustertexte herangezogen, die den Normen für Einfache Sprache entsprechen (siehe Beitrag zu Prüfen auf Verständlichkeit und Portalseite Gute Beispiele für Einfache Sprache). Diese Gegenüberstellung ergibt folgendes Bild:

Grafik 2

Erläuterungen zu Grafik 2 im Anhang

Auffällig ist der überragende Anteil an langen und komplexen Sätzen in Diskussionsbeiträgen. Das sind Sätze mit mehr als 15 Wörtern und/oder mehr als einem Nebensatz. Der Anteil dieser Sätze ist zehnmal höher als in Mustertexten der Einfachen Sprache. Auch Floskeln und Füllwörter sind deutlich häufiger vertreten. Demgegenüber erscheinen die anderen Merkmale unauffällig.

Bevor wir diesen Vergleich auswerten, wollen wir noch die übrigen Redebeiträge einbeziehen: drei Interviews und sechs Vorträge. In der folgenden Übersicht werden die gesamten Redebeiträge auf Einfache Sprache geprüft.

Grafik 3

Erläuterungen zu Grafik 3 im Anhang

Wie die Grafik zeigt, haben die Redebeiträge insgesamt viel mehr lange und komplexe Sätze (zehnfacher Anteil) und deutlich mehr Floskeln und Füllwörter (doppelter Anteil) als die Mustertexte in Einfacher Sprache. Bei den übrigen Merkmalen gibt es weniger Abweichungen. Der Anteil von Fach- und Fremdwörtern (an allen Wörtern) ist in den Redebeiträgen sogar geringer als in den Mustertexten. Doch umgerechnet auf die Gesamtheit der Sätze ist in jedem Satz ein Fach- oder Fremdwort enthalten.

Sehen wir uns drei Verständnishürden genauer an: Am hinderlichsten sind lange und komplexe Sätze. Teilweise verstärken Floskeln und Füllwörter diese Hürde. Schließlich erschweren viele Fach- und Fremdwörter das verstehende Hören.

Lange und komplexe Sätze

Wie verständlich längere Sätze sind, hängt von ihrer Struktur ab. Unter diesem Aspekt haben wir Satzgefüge, bestehend aus Hauptsatz und Nebensätzen, untersucht.

# Einige dieser Satzgefüge geben eine logische Folge von Gedanken oder einen Ablauf von Schritten wieder:

Diese Satzgefüge sind flüssig in ihrem gedanklichen Ablauf, ähnlich dem Erzählstil. Sie können den Prozess des Geschehens oder Denkens eingängiger abbilden, als eine Folge von kurzen, unverbundenen Sätzen.

# Andere Satzgefüge bilden komplexere Handlungen oder Zusammenhänge ab, einschließlich spontaner Gedanken:

In diesen komplizierten Satzgefügen kann der gedankliche Faden verloren gehen. Das ist schon beim Reden ein Risiko, erschwert aber auf jeden Fall das verstehende Hören.

Floskeln und Füllwörter

Als Floskel bezeichnen wir eine formale Redewendung oder Redensart; als Füllwort betrachten wir ein Wort mit einem nur geringen Aussagewert. Floskeln und Füllwörter können je nach Kontext unterschiedlich wirken. Teilweise helfen sie, beim Sprechen den richtigen Ton zu treffen und Akzente zu setzen. Sie dienen aber auch dazu, Denklücken zu überbrücken. Häufig dehnen sie den Satz unnötig aus, beeinträchtigen die Aussage oder unterbrechen den Gedanken. Wir haben in den Redebeiträgen viele nachteilige Floskeln und Füllwörter ermittelt, wie die folgenden Beispiele zeigen.

# Floskeln und Füllwörter dehnen den Satz aus:

# Floskeln und Füllwörter schränken die Aussage ein:

# Floskeln und Füllwörter unterbrechen den Zusammenhang:

In vielen Fällen bewirken die Floskeln und Füllwörter, dass die Sätze länger, komplexer und damit schwerer verständlich werden. Doch selbst wenn Floskeln und Füllwörter leicht erfassbar sind, verschwenden sie Zeit und Energie beim Zuhören.

Fach- und Fremdwörter

Oft erfordern Fach- oder Fremdwörter besonderen Denkaufwand, verzögern also das Zuhören. Hilfreich können eingefügte Erklärungen sein; sie sollten aber nicht von der eigentlichen Aussage wegführen.

Die folgende Wortwolke zeigt Fach- und Fremdwörter in den analysierten Redebeiträgen. Sie kommen vorwiegend aus der Sprachkunde und der Informationstechnologie.

Fach- und Fremdwörter

Viele dieser Fach- und Fremdwörter ließen sich vereinfachen: indem man sie in einzelne Wörter auflöst oder ins Deutsche überträgt. In den untersuchten Beiträgen ist das aber kaum geschehen. Besonders hinderlich sind Fach- und Fremdwörter, wenn sie (in längeren Sätzen) gehäuft auftreten. Hier sind einige Beispiele:

Wenn wir die Verständnishürden insgesamt überblicken, sind uns die meisten bereits aus schriftlichen Beiträgen geläufig. Doch wie können wir sie vermeiden? Geschriebene Texte können wir korrigieren, Redebeiträge lassen sich nicht nachträglich verbessern. Wie können dennoch verständlichere Redebeiträge gelingen?

Aufschlussreich ist die folgende Übersicht zu Einzelleistungen von Personen bei den Redebeiträgen. Hier sind die höchsten und niedrigsten Anteile an langen und komplexen Sätzen gegenübergestellt:

Grafik 4

Erläuterungen zu Grafik 4 im Anhang

Die Grafik zeigt deutliche Unterschiede:

  • Bei Artikeln und Vorträgen gibt es eine große Spanne zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Anteil langer und komplexer Sätze. Die Ergebnisse der einbezogenen Personen sind also sehr unterschiedlich.
  • Hingegen sind bei Diskussionsbeiträgen und Interviews alle Einzelergebnisse nahe an dem durchschnittlichen Anteil langer und komplexer Sätze. Das heißt, die Spanne zwischen den Ergebnissen der Personen ist gering.

Wie ist die größere Spannbreite bei Artikeln und Vorträgen zu erklären? Teilweise hängt sie mit unterschiedlichen Kontexten zusammen: für welches Medium ein Artikel geschrieben oder vor welchem Publikum ein Vortrag gehalten wird. Doch auch bei gleichen Kontexten ist die Spanne zwischen den Ergebnissen der Personen beträchtlich. Offensichtlich wirkt sich dabei der persönliche Schreib- und Redestil aus. Artikel und Vorträge können zudem gezielter vorbereitet werden als die anderen Redebeiträge.

Diskussionsbeiträge und Interviews hingegen sind eher spontane Äußerungen. Interviews lassen sich nur in groben Umrissen vorbereiten, während Diskussionen oft nicht vorhersehbar sind. In beiden Fällen kommt es auf schnelle Reaktion an, und es gibt wenig Bedenkzeit zum Formulieren. Außerdem beeinflussen die Mitwirkenden den Kommunikationsstil: Der Redebeitrag passt sich teilweise dem allgemeinen Sprachniveau der Gruppe oder dem Stil des Interviewpartners an.

Die folgende Übersicht fasst die Kompetenzen für die verschiedenen Redebeiträge zusammen.

Wie können wir es erreichen, in unterschiedlichen Kontexten verständlicher zu reden? Hilfreich sind dafür die Richtlinien der Einfachen Sprache:
– klar strukturierte Sätze
– aktive Sprache
– gebräuchliche Wörter
– kurz erklärte Fachwörter
– ansprechende Formulierungen.

Naheliegend wäre es, einen verständlicheren Stil (Einfache Sprache!) zunächst bei schriftlichen Beiträgen und bei Vorträgen anzustreben. In beiden Fällen haben wir gewöhnlich Zeit zur Vorbereitung und Überprüfung. So könnten wir einen verständlicheren Stil entwickeln und schrittweise „verinnerlichen“. Wir würden ihn mit der Zeit auch unwillkürlich bei spontanen Redebeiträgen verwenden.

Dieser Lösungsweg ergibt sich aus unserer vergleichenden Analyse. Welche anderen Erfahrungen und Vorschläge haben Profis aus der Kommunikation? Feedback ist willkommen!

Sabine Manning

Anmerkung

Zu diesem Beitrag hat uns insbesondere Georg Wimmer mit seinem Vortrag „Mündliche Kommunikation in Einfacher Sprache“ auf dem Treffen des DACH-Forums Einfache Sprache am 25.9.2025 angeregt. Wir danken ihm und allen beteiligten Mitgliedern des Forums für ihre Gedanken und Erfahrungen zu diesem Thema.

Anhang: Erläuterungen zu den Grafiken

Grafik 1A: Verständlichkeit von Artikeln und Diskussionsbeiträgen (zurück)

Grafik 2A: Prüfung von Diskussionsbeiträgen auf Einfache Sprache (zurück)

Grafik 3A: Prüfung von Redebeiträgen auf Einfache Sprache (zurück)

Grafik 4A: Verständlichkeit von Artikeln und Redebeiträgen (zurück)

Bild: Menschengruppe von Tyli Jura auf Pixabay

Hinweis

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