Infos für alle

Wie verständlich sind Informationen in ‚einfacher‘ und ‚leichter‘ Sprache?

Wissenswertes für den Alltag sollte für viele Menschen leicht verständlich sein: ob Hinweise zur Berufswahl, Schreiben vom Amt, Ratgeber für Kunden oder Faltblätter für Ausstellungen. Immer mehr Texte dieser Art tauchen auf. Viele sind auf der Seite Einfach für alle zu finden. Da gibt es Angebote in Leichter oder leichter Sprache, leicht zu lesen, in einfacher oder Einfacher Sprache, gelegentlich mit dem Zusatz leicht verständlich oder bürgernah. Wer damit erreicht werden soll, bleibt oft beliebig. Meist sind es Menschen mit Lernbehinderungen, aber darüber hinaus auch andere, denen das Lesen schwer fällt. Wie verständlich sind nun diese Informationen? Was steht drauf, und was steckt tatsächlich drin?

Um das zu erkunden, habe ich 32 Texte aus der Sammlung Einfach für alle analysiert. Die ausgewählten Texte sind im Internet zugänglich, betreffen fast alle Sachgebiete und haben jeweils unterschiedliche Anbieter.

Betrachten wir zunächst, welches Sprachniveau die Informationen anzeigen: also was draufsteht. Maßgeblich hierfür ist die Sprachbezeichnung auf der Titelseite oder im Impressum des Textes. Die verwendeten Bezeichnungen lassen sich als Leichte Sprache und Einfache Sprache zusammenfassen:

  • Die Leichte Sprache ermöglicht vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen, an der Gesellschaft teilzuhaben. Für die Leichte Sprache wurden umfassende Regeln entwickelt.
  • Breiter ist das Spektrum der Einfachen Sprache, die für Menschen mit  unterschiedlichen Leseschwierigkeiten angeboten wird. Diese Sprachvariante ist (bisher) nicht geregelt. Mehr zu diesen Begriffen steht im ABC der Einfachen Sprache.

Es zeigt sich, dass die meisten Informationen (19) in Leichter Sprache, die übrigen (13) in Einfacher Sprache angeboten werden:

Wie lässt sich nun herausfinden, welches Sprachniveau die Informationen tatsächlich haben, also was drinsteckt? Mein Ausgangspunkt sind Regeln, die für leicht verständliche Sprachformen verwendet werden. Denn sie sollen sicherstellen, dass Menschen mit sprachlichen Einschränkungen die Texte verstehen. Für die Leichte Sprache gibt es weitgehend übereinstimmende Regelwerke. Für die Einfache Sprache beziehe ich mich auf wesentliche Regeln, die aus Leitfäden von Anbietern hervorgehen (Quellen vgl. Anlage).

Welche Regeln sind für das Textverständnis besonders wichtig? Vor allem sollte man lange und komplexe Sätze vermeiden, keine zusammengesetzten Wörter und schwierigen Begriffe verwenden und auf komplizierte Grammatik verzichten. Für Leichte Sprache werden diese Regeln strenger gefasst als für Einfache Sprache (Regeln für die Analyse vgl. Anlage).

Wieweit diese Regeln in den Texten beachtet werden, lässt sich mit Prüfprogrammen feststellen: TextLab, das vielfältige Ergebnisse liefert und statistisch auswertet, und LanguageTool, das unter anderem grammatische Strukturen detailliert ausweist (vgl. die Beiträge Einfach mal prüfen und Leichte Texte schnell getestet).

Was kommt bei dieser Prüfung heraus? Keiner der Texte hält alle Regeln ein, viele Texte verstoßen nur gegen einige Regeln, manche Texte übertreten fast alle Regeln. Wie viele Verstöße sind nun bei einem Text akzeptabel? Für die Analyse habe ich folgenden Grenzwert ausprobiert:

Verstöße gegen eine Regel sind unerheblich, wenn sie weniger als 5 Sätze von 100 Sätzen betreffen; darüber hinaus sind sie erheblich. Texte sind akzeptabel, wenn sie gegen die Mehrheit der Regeln nicht oder nur unerheblich verstoßen. Hingegen sind Texte, die erheblich gegen die Mehrheit der Regeln verstoßen, nicht akzeptabel.

Diese Analyse ergibt folgendes Bild (vgl. Anlage):

  • die Texte der Leichten Sprache haben sich fast um die Hälfte verringert (11);
  • die größte Gruppe sind jetzt Texte in Einfacher Sprache (15);
  • neu hinzu gekommen sind Texte in Leichter/Einfacher Sprache (3) und Texte in verständlicher Sprache (3).

Die neue Aufteilung unterscheidet sich deutlich von der ursprünglichen. Wichtig ist dabei nicht, wie groß die jeweiligen Gruppen sind. Denn das hängt von den ausgewählten Regeln und dem ausprobierten Grenzwert ab. Interessant ist vielmehr, aus welchen Texten sich die neuen Gruppen zusammensetzen. Hierzu ein paar Anmerkungen:

(1)
Auffällig ist die geschrumpfte Gruppe der Leichten Sprache. Was für Texte gehören nicht mehr dazu? Ausgeschieden sind beispielsweise Texte, der unter 100 Sätzen mehrere (= 5, 10 oder mehr) Satzgefüge (Haupt- und Nebensatz), gleichzeitig mehrere lange Sätze, mehrere Sätze im Passiv oder mit Verneinung und mehrere lange Wörter haben. Ein solches Ausmaß an Hürden in einem Text ist meines Erachtens mit Leichter Sprache nicht mehr vereinbar.

(2)
Die Gruppe der Einfachen Sprache scheint entsprechend gewachsen zu sein. Doch nicht alle ehemaligen Leichte-Sprache-Texte sind enthalten: nur diejenigen, die den Regeln der Einfachen Sprache entsprechen. Aus meiner Sicht ist Einfache Sprache nicht identisch mit locker gehandhabter Leichter Sprache. Einfache Sprache hat ihre eigenständige Qualität: leicht verständlich, grammatisch korrekt und stilistisch perfekt – wie es Andreas Baumert erklärt.

(3)
Ein Sonderfall sind Texte der Einfachen/Leichten Sprache: Sie entsprechen den Regeln der Einfachen Sprache, haben aber deutliche Kennzeichen der Leichten Sprache: vor allem verwenden sie häufig unvollständige Sätze (Ellipsen), Doppelpunkte, Wörter mit Bindestrichen und Ausdrücke wie „schwere Sprache“. Diese Merkmale sind zwar in der Leichten Sprache vertraut, passen aber nicht in die Einfache Sprache, denn sie sind weder grammatisch noch stilistisch einwandfrei.

(4)
Übrig bleiben Texte in verständlicher Sprache: Sie können die Regeln Leichter oder Einfacher Sprache nicht ausreichend erfüllen. Dennoch heben sie sich von üblichen, schwierigen Texten ab. Messbar ist das mit dem Index für Verständlichkeit, den das Prüfprogramm TextLab anbietet. Auf einer Skala der Verständlichkeit von 0 (gering) bis 20 (hoch) erreichen diese Texte einen Wert zwischen 14 und 16. Damit sind sie im „grünen Bereich“, doch deutlich unterhalb der Texte in Einfacher oder Leichter Sprache (Index 19 bis 20 – vgl. auch Einfach oder leicht getextet?).

Was ergibt die Analyse insgesamt? Wie verständlich sind die angebotenen Informationen?

  • Was die Texte ankündigen, wird nur teilweise erfüllt: Die angezeigte Leichte Sprache ist in 11 von 19 Texten akzeptabel; die Einfache Sprache in 10 von 13 Texten. Das heißt, insgesamt steckt nur in 2 von 3 Texten drin was draufsteht.
  • Einfache und Leichte Sprache haben aber ein wesentliches Merkmal gemeinsam: sie sind beide leicht verständlich. Dieses Merkmal trifft für fast alle der angebotenen Texte zu (29 von 32).

Hinzu kommt ein praktischer Aspekt: Zwar erweisen sich die speziellen Angaben – ob ‚leicht‘ oder ‚einfach‘ – als wenig zuverlässig. Doch weder Anbieter noch Leser von Informationen blicken wohl richtig durch, was ‚leicht‘ oder ‚einfach‘ bedeutet. Insofern könnte die Analyse auch dazu anregen, die Bezeichnungen für leicht verständliche Texte zu vereinfachen. Darüber hat Uwe Roth gerade einen interessanten Beitrag veröffentlicht.

Sabine Manning

Anlage zum Blogbeitrag

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