Einfache Sprache – frei geregelt

Was kennzeichnet Einfache Sprache? Sie ist für Menschen gedacht, die normale Texte nur schwer lesen oder verstehen können (vgl. ABC der Einfachen Sprache). Oft heißt es: Einfache Sprache hat keine verbindlichen Regeln – im Unterschied zur Leichten Sprache. Das stimmt zwar, da es für Leichte Sprache ein Regelwerk – oder besser: mehrere Regelwerke – gibt. Leichte Sprache wurde für und mit Menschen entwickelt, die fast gar nicht lesen können, meist infolge einer Behinderung. Doch Einfache Sprache lässt sich auch anders herleiten: aus Ratgebern für klares, verständliches Deutsch. In diesem Sinne folgt sie ausnahmslos den herkömmlichen Regeln in Grammatik und Rechtschreibung. Was also ist das Besondere an Einfacher Sprache? Wie kann sie für Menschen mit Leseschwächen ansprechend und verständlich sein?

Um das herauszufinden, haben wir keine Lehrbücher gewälzt. Sondern wir haben uns die tatsächlichen Angebote in Einfacher Sprache angesehen: Netzauftritte von Agenturen, Textbüros, Verlagen und eigenständigen Autoren. Uns hat interessiert, wie die einzelnen Anbieter die Einfache Sprache (oder ‚einfache‘ Sprache) beschreiben und anwenden. Herausgekommen sind Auskünfte, die um vielfältige Leitsätze und Regeln für Einfache Sprache kreisen. Die Auskünfte von 16 Anbietern (vergleichende Übersicht) wollen wir jetzt näher betrachten.

Viele Anbieter erklären zuerst, worin sie das Anliegen der Einfachen Sprache sehen. Aufschlussreich sind folgende Leitsätze (mit Link auf die betreffenden Webseiten):

  • Einfache Sprache ist eine einfache Form der deutschen Sprache. [W]
  • Die Texte sollen sowohl verständlich als auch richtig sein. [W]
  • Einfache Sprache soll dabei helfen, Informationen besser zu verstehen. [W]
  • In unseren Texten müssen wahre Tatsachen stehen. [W]
  • Text auf das Wesentliche/ Elementare konzentrieren [W]
  • Schreiben und sprechen Sie klar und prägnant. Vermeiden Sie Füllwörter und unnötige oder doppelte Informationen. [W]
  • konkrete, nicht abgehobene Sprache [W]
  • Im besten Fall haben Texte in Einfacher Sprache eine journalistische Qualität. Auch Menschen mit Leseschwierigkeiten haben einen Anspruch auf ein Lesevergnügen. Das, was neu ist und neugierig macht, muss an den Anfang. [W]
  • Einfache Sprache ist ein Sprachstil, bei dem die Verständlichkeit betont wird. Der Stil ist frei von sprachlichen Stolpersteinen. [W]
  • Der Text ist inhaltlich klar, sprachlich korrekt und – sehr wichtig – ästhetisch ansprechend. [W]

Diese ganzheitliche Sicht wirkt sich auch auf die nähere Beschreibung der Einfachen Sprache aus. Die Anbieter nennen nur Regeln, die sie für nötig und wichtig halten: zu Wortwahl, Grammatik, Satzbau und Textgestaltung. Dabei kommt es auf die Angebote an: Herausgeber von Büchern begnügen sich mit ein paar wesentlichen Hinweisen, während Übersetzer von Fachtexten recht detaillierte Angaben machen. Dennoch stimmen die hauptsächlich angewandten Regeln zur Einfachen Sprache weitgehend überein. Das zeigt folgende Grafik:

Aus diesem Vergleich geht auch hervor, was die Anbieter am meisten beachten bzw. am wichtigsten finden: verständliche Wörter und kurze Sätze, dicht gefolgt von übersichtlichem Text. Auch einfache Grammatik, kurze Wörter und gut lesbare Schrift halten die meisten Anbieter für wichtig. Nur Bilder scheinen weniger beachtet zu werden (obwohl auch sie es verdient hätten!).

In diesen Hauptregeln sind unterschiedlich formulierte Einzelregeln der Anbieter zusammengefasst. Doch meistens bestätigen oder ergänzen die einzelnen Regeln einander. Das zeigen folgende Beispiele:

  • Damit Wörter verständlich sind, sollen ungewöhnliche und schwierige Wörter vermieden oder erklärt werden: vor allem Fachwörter, Fremdwörter und abstrakte Begriffe.
  • Zur einfachen Grammatik gehört allgemein: Verben im Aktiv statt Passiv verwenden; Verbal- statt Nominalstil; möglichst wenige Hauptwörter – möglichst viele Verben; Konjunktiv vermeiden/ selten verwenden.
  • Auch für den Satzbau ähneln sich die Regeln: Jeder Satz hat eine oder maximal zwei zueinander gehörende Aussagen; möglichst keine Nebensätze/ höchstens ein Nebensatz; kein Schachtelsatz; höchstens ein Komma im Satz.
  • Selbst genauere Angaben zur Satzlänge stimmen weitgehend überein: maximal 15 Wörter; 10-12 Wörter, maximal 15 Wörter; Durchschnitt 13 Wörter; 10-15 Wörter.
  • Nur zum Bindestrich oder Mediopunkt bei langen Wörtern gibt es verschiedene Ansichten.

Insgesamt lässt sich aus der vergleichenden Übersicht ableiten, dass die Anbieter die Einfache Sprache zwar auf ihre eigene Art beschreiben, doch die jeweiligen Auffassungen weitgehend übereinstimmen. So fügen sich die ‚frei‘ gewählten Leitsätze und Regeln zu einem in sich stimmigen Ganzen zusammen. Das ist ein wertvoller Erfahrungsschatz für alle, die Einfache Sprache nutzen und weiterentwickeln wollen.

Was Einfache Sprache vermag, hat Wort-Marie in einfachen Worten zusammengefasst:

Einfache Sprache macht es möglich:
Lesen und Verstehen.
Mit Spaß lesen.
Ohne Anstrengung lesen.
Entspannt lesen.
Mit Spannung lesen.
Sich aufs Lesen freuen.

Die Erkenntnisse aus der vergleichenden Übersicht haben wir in unsere Info-Seiten ABC der Einfachen Sprache und Sag es EINFACH ! einbezogen.

Sabine Manning

Quelle: Angebote in Einfacher Sprache: Welche sprachlichen Leitsätze und Regeln verwenden die Anbieter? Vergleichende Übersicht. Multisprech/ Sabine Manning 30.04.2019/ 20.05.2019 [PDF]

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2 Gedanken zu “Einfache Sprache – frei geregelt

  1. Herzlichen Dank für die hilfreiche Übersicht!
    Interessant fand ich auch, mir die Zusammenstellung der Anbieter anzusehen und den einen oder anderen „anzuklicken“: Schau an, da gibt es ja richtige Agenturen – oder Büros – ähnlich, wie es auch Übersetzungsbüros gibt!
    Klar, das ist eigentlich zu erwarten, aber dennoch wusste ich es bisher nicht.
    Beste Grüße
    Christine

    Gefällt 1 Person

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