Was ist „leicht verständlich“? Eine Analyse mit KlarCheck-Light

Vorwort

Leicht verständliche Texte sind gefragt: Viele Menschen brauchen sie, und amtliche Verordnungen fordern sie. Was aber ist mit „leicht verständlich“ gemeint?

Zumeist denken wir dabei an gebräuchliche Wörter, an kurze und einfach gebaute Sätze, an aktive Sprache und übersichtliche Texte. Das ist alles wichtig, aber ein Aspekt bleibt dabei unterbelichtet: Wie drücken wir gedankliche Zusammenhänge aus? Wie formulieren wir komplexe Sachverhalte? Wie lösen wir lange Satzgefüge auf, ohne die logischen Verbindungen zu verlieren? Oder wie verbinden wir Aussagen, die in kurze Sätze aufgeteilt sind?

Es geht also um die Verbindungen zwischen Sätzen, Satzteilen und Wörtern. Diese Verbindungen müssen klar, aber auch verständlich sein – je nach Ansprüchen und geistigem Vermögen der Zielgruppe. Inwieweit werden „leicht verständliche“ Sprachangebote diesen Anforderungen gerecht? Dieser Frage möchten wir uns im vorliegenden Blog zuwenden. Dabei helfen uns die KlarCheck-Tools von Multisprech (siehe Blogbeitrag), insbesondere das neue Tool KlarCheck-Light (auf ChatGPT 5.4 im Nachdenkmodus)

Wir untersuchen in unserem Blog Mustertexte auf Sprachniveaus, die für verschiedene Zielgruppen verständlich sein sollen: die Sprache der Medien für ein großes Publikum, die Einfache Sprache für eine ebenfalls breite Leserschaft, die Leichte Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten und das Lernprogramm Deutsch als Fremdsprache. Die Mustertexte dieser Sprachniveaus analysieren wir unter folgenden Gesichtspunkten:

  1. Wie verständlich sind die Satzstrukturen?
  2. Wie verständlich sind die Verbindungen zwischen Sätzen und Wörtern?
  3. Wie verbreitet sind leichte Verbindungen zwischen Sätzen und Wörtern?

Im Ergebnis wollen wir wissen, welche Rolle die Verbindungen für „leicht verständliche“ Texte spielen und wie sich die Sprachniveaus in dieser Hinsicht ähneln oder unterscheiden.
In einem Fazit umreißen wir, wozu diese Analyse mit KlarCheck-Light dienlich ist.

(1) Wie verständlich sind die Satzstrukturen?

Sehen wir uns zunächst an, wie verständlich Satzstrukturen auf verschiedenen Niveaustufen sind. Dazu verwenden wir Mustertexte für verschiedene Sprachniveaus (siehe Anhang). Neu in dieser Auswahl ist die „Sprache der Medien“, mit Texten aus Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk, Fernsehen und dem Internet. Damit versuchen wir, ein „normales“ Niveau der Standardsprache zu erfassen: Texte für ein breites Publikum, weder in Fachsprache noch in Einfacher Sprache.

Mit zwei Merkmalen lassen sich leicht verständliche Texte deutlich voneinander und von anderen Texten unterscheiden:

  • die Anzahl von Wörtern pro Satz und
  • die Anzahl von Nebensätzen pro 100 Sätze.

Mit dem Tool KlarCheck-Light können wir diese beiden Merkmale in den Mustertexten ermitteln. Die folgende Grafik fasst die Ergebnisse zusammen.

Grafik 1

Wie zu erwarten, verringert sich die Komplexität der Satzstrukturen: von der Sprache der Medien über die Einfache Sprache bis hin zur Leichte Sprache. Die Texte von Deutsch als Fremdsprache sind ähnlich abgestuft (B1 > A2 > A1). Im Anteil der Nebensätze überragt die B1-Stufe dieses Sprachprogramms sogar die Sprache der Medien. Deutlich hebt sich die Leichte Sprache von den anderen Niveaus ab: Sie hat die geringste Anzahl von Wörtern pro Satz und einen niedrigen Anteil an Nebensätzen (nur von Deutsch als Fremdsprache A1 unterboten).

(2) Wie verständlich sind die Verbindungen zwischen Sätzen und Wörtern?

  • Konjunktionen (z.B. dass, wenn … dann),
  • konnektive Adverbien (z.B. deshalb, trotzdem) und
  • Pronomen (z.B. Relativpronomen).

Vereinfachte Texte hingegen haben eher kurze Sätze und nur wenige Nebensätze. Zugleich sollen Sätze, Satzteile oder Wörter eindeutig aufeinander bezogen sein. Daher verwenden diese Texte leicht verständliche Verbindungen zwischen Sätzen, Satzteilen und Wörtern (kurz: leichte Verbindungen).

So werden zum Beispiel Sätze verbunden oder angefügt:

  • Satz beginnend mit nebengeordneter Konjunktion wie „Oder“,
  • Aussagesatz nach Doppelpunkt anstelle eines Objektsatzes mit „dass“,
  • Satz mit „vielleicht“ plus Satz mit „Dann“ anstelle eines konditionalen Satzgefüges,
  • Fragesatz nach Doppelpunkt anstelle eines indirekten Fragesatzes,
  • Satz mit Doppelpunkt gefolgt von einer Aufzählung,
  • Satz mit ausgelassenen Satzteilen (Ellipse), bezogen auf vorangehenden Satz.

Außerdem werden einzelne Wörter leicht verbunden:

  • lange Wörter haben Bindestrich oder Mediopunkt,
  • Substantive werden wiederholt, statt durch Pronomen ersetzt,
  • Erklärungen beginnen mit „zum Beispiel“,
  • der Genitiv wird durch „von“ ersetzt,
  • die Leser und Leserinnen werden durch Anrede einbezogen.

Die meisten leichten Verbindungen sind für die Leichte Sprache bekannt (siehe Bredel/Maaß 2016). Doch wir wollen die Mustertexte aller Sprachniveaus auf diese Verbindungen testen.

In unserer vergleichenden Analyse stellen wir die üblichen Bindewörter und die leichten Verbindungen gegenüber. Dabei helfen uns die Tools KlarCheck-Konnekt und KlarCheck-Light. Sie berechnen folgende Indexwerte:

  • die Anzahl der Bindewörter bezogen auf je 10 Sätze und
  • die Anzahl der leichten Verbindungen von Sätzen und von Wörtern, bezogen auf 100 Sätze bzw. 100 Wörter.

Die folgende Grafik veranschaulicht die Verbindung von Sätzen und Wörtern in Mustertexten auf den verschiedenen Sprachniveaus.

Grafik 2

Wie die Grafik 2 zeigt, ist die Häufigkeit von Bindewörtern ähnlich abgestuft wie die Komplexität von Sätzen (vgl. Grafik 1). Die Indexwerte für Bindewörter nehmen von der Sprache der Medien über die Einfache Sprache bis zur Leichten Sprache deutlich ab.
Auch die Stufen B1, A2 und A1 von Deutsch als Fremdsprache haben diesen Verlauf – fast identisch mit den abgestuften Werten von Sprache der Medien, Einfacher und Leichter Sprache. (grau)

Anders ist es bei den leichten Verbindungen (rot). Hier ragt die Leichte Sprache heraus, während sich die übrigen Sprachniveaus untereinander ähneln. Selbst die Stufe A1 von Deutsch als Fremdsprache unterscheidet sich nicht von den anderen Stufen. Die Leichte Sprache hingegen hebt sich nicht nur im Ausmaß, sondern vor allem in der Auswahl leichter Verbindungen ab. Das zeigt die folgende Analyse von Beispielen.

(3) Wie verbreitet sind leichte Verbindungen zwischen Sätzen und Wörtern?

Leichte Verbindungen zwischen Sätzen, Satzteilen und Wörtern kommen auf allen untersuchten Sprachniveaus vor. Doch wo treten sie vorwiegend auf, und wie werden sie in den Mustertexten konkret verwendet?

Die nachfolgende Übersicht zeigt, wie verbreitet die leichten Verbindungen sind und wie sie in den jeweiligen Mustertexten auftreten:

# Anrede oder Einbeziehung der Leser/Leserinnen (meist in Briefen und Zitaten, aber auch in Sachtexten, wie den folgenden):

SdMDas Grüne Band ist eine Art Arche Noah. Kennen Sie zum Beispiel den Kurzschwänzigen Bläuling?
ESHier finden Sie Informationen, wie die Kostenmiete berechnet wird.
LSVielleicht kennen Sie diese Situation:
Sie bewerben sich um einen Arbeits·platz.

# Auf einen Satz mit Doppelpunkt folgt eine Frage (anstelle eines indirekten Fragesatzes):

SdMWenn wir den Gesetzentwurf der Bundesregierung für ein Infrastruktur-Zukunftsgesetz lesen, fragen wir uns: Wo bleibt darin der Blick für unsere Heimat?
ESBei Milch, Joghurt oder Käse ist es teilweise schwierig: Können Kühe, Ziegen oder Schafe auch frei auf der Weide herumlaufen?

# Auf einen Satz mit Doppelpunkt folgt eine Aussage (anstelle eines Objektsatzes mit „dass“):

SdMDenn die Realität ist: Tausende Brücken und Schulen sind sanierungsbedürftig.
LSInklusiv bedeutet:
Im Netzwerk arbeiten alle Menschen zusammen.

# ein Satz mit ausgelassenem Satzteil (Ellipse), meist auf vorangehenden Satz bezogen:

SdMDoch der Gesetzentwurf verschiebt Prioritäten: Neubau vor Erhalt. Tempo vor Sorgfalt. Und allzu oft Beton vor Landschaft.
ESAus Feinden wurden Verbündete. Und Freunde.
LSDas soll so sein für alle Menschen.
Also zum Beispiel auch für blinde Menschen.

Die Beispiele zeigen den Unterschied: In der Sprache der Medien oder in Einfacher Sprache sind Ellipsen ein stilistisches Mittel; in Leichter Sprache werden sie sie als ergänzende Aussage oder Teil einer Aufzählung eingesetzt.

# Ein Satzanfang mit nebengeordnetem Bindewort (Aber, Oder, Und):

SdMUnd: Gemeinsamer Nachwuchs von unterschiedlichen Menschenformen war kein Einzelfall.
LSEine Person bekommt den Arbeits·platz nicht,
nur weil sie im Roll·stuhl sitzt.
Oder weil diese Person zu alt ist.
Oder weil diese Person eine Frau ist.

Auch hier ist der Unterschied deutlich: Das betreffende Bindewort dient in der Sprache der Medien oder in Einfacher Sprache als stilistische Hervorhebung; in Leichter Sprache wird es zur Auflösung eines Satzgefüges oder als Teil einer Aufzählung gebraucht.

# Auf einen Satz(anfang) folgt eine Aufzählung als Liste (anstelle aneinandergereihter Satzteile oder Nebensätze):

ESEuropa ist stark, wenn
– Frieden herrscht und Menschen in Sicherheit leben,
– wir gemeinsam die Demokratie schützen,
– Klimaschutz gelingt und dadurch neue Arbeitsplätze geschaffen werden,

[…]
LSSie wollten zum Beispiel:
– Gleich-Berechtigung für alle.
– Mehr Selbst-Bestimmung für alle.

# Lange Wörter mit Bindestrich:

SdMInfrastruktur-Zukunftsgesetz, Renten-Satz des Kanzlers
LSArbeit·geber, Vor·urteile, ein·stellen
gemein-nützig, Frei-Zeit

Der Bindestrich tritt allgemein in der Wortfuge auf; in der Leichten Sprache wird der Bindestrich oder Mediopunkt auch zwischen Sprachsilben gesetzt.

# Satzanfang mit untergeordnetem Bindewort (als alleinstehender Nebensatz):

LSEs ist wichtig,
dass Sie die Arbeit gut machen können.
Oder wie alt Sie sind.
Oder ob Sie eine Behinderung haben.

# Zwei Sätze mit leichter Verbindung anstelle eines Satzgefüges mit Bindewörtern (z.B. statt eines Konditional-, Konzessiv- oder Konsekutivsatzes):

LSKonditionale Verbindung („Wenn – dann“):
Es gibt also vielleicht Ausnahmen.
Dann steht eine Liste mit den Ausnahmen in der Erklärung.
ODER:
Gibt es noch Barrieren auf der Internet-Seite?
Dann steht eine Liste mit den Barrieren in der Erklärung.

# Substantiv wird wiederholt, statt durch Pronomen ersetzt:

LSDas Netzwerk verbreitet die Leichte Sprache.
Das Netzwerk stärkt Menschen mit Lern-Schwierigkeiten.
Das Netzwerk möchte ein Recht auf Leichte Sprache für alle.

# Genitiv wird mit „von“ umschrieben:

LSDie Arbeit vom Verein ist für alle Menschen.
Die Geschichte von der Leichten Sprache beginnt in Amerika.

Was können wir aus den Beispielen für leichte Verbindungen ableiten?

  • Leichte Verbindungen sind über alle Sprachniveaus verbreitet, allerdings in unterschiedlicher Häufigkeit und Funktion: In anspruchsvolleren Texten (Sprache der Medien) sind sie seltener anzutreffen und eher eine Zugabe oder ein stilistisches Mittel. In vereinfachten Texten (Einfache Sprache und Leichte Sprache) ersetzen sie hingegen komplizierte Satzkonstruktionen.
  • Viele leichte Verbindungen entsprechen der deutschen Standardsprache, z.B. Satzanfang mit nebengeordnetem Bindewort, direkte Fragen nach Doppelpunkt, Aufzählung in Listenform.
    Mehrere leichte Verbindungen folgen zwar der Standardsprache, sind aber als vereinfachte Formulierungen erkennbar, z.B. wiederholte Substantive statt Pronomen, Satz nach Doppelpunkt anstelle eines Satzgefüges mit „dass“; Bindestrich in der Wortfuge.
    Einige leichte Verbindungen sind in der Standardsprache nicht üblich, z.B. Satzanfang mit untergeordnetem Bindewort, zwei leicht verbundene Sätze anstelle eines Satzgefüges, Umschreibung des Genitivs mit „von“, Bindestrich oder Mediopunkt zwischen Sprechsilben. Diese Verbindungen sind nur in der Leichten Sprache gebräuchlich.
  • In Deutsch als Fremdsprache treten leichte Verbindungen relativ wenig auf. Häufig ist allein die persönliche Anrede, aber nur im typischen Kontext von Briefen oder Zitaten, nicht in gewöhnlichen Sachtexten. Dieses Sprachprogramm kommt ohne besondere Vereinfachungen aus und bereitet konsequent auf die deutsche Standardsprache vor. Als ergänzende Lektüre eignen sich daher Texte in Einfacher Sprache, insbesondere im Anschluss an die A2-Kurse.

FAZIT

In diesem Blogbeitrag haben wir ein wesentliches Merkmal von verständlichen Texten untersucht: den gedanklichen und sprachlichen Zusammenhalt von Aussagen. Dafür sind in gewöhnlichen Texten Bindewörter mit oft komplizierten Satzstrukturen zuständig. Wir wollten herausfinden, wie stattdessen „leichte Verbindungen“ von kurzen Sätzen und Wörtern die Verständlichkeit verbessern können. Dazu haben wir Mustertexte von verschiedenen Sprachniveaus miteinander verglichen. Wir konnten nachweisen, dass leichte Verbindungen zwar hauptsächlich in der Leichten Sprache vorkommen, aber einige auch bis in die Sprache der Medien hinein verbreitet sind.

Wofür ist diese vergleichende Analyse von leichten Verbindungen nützlich?

  • Wir haben damit ein zusätzliches Kriterium für die Bewertung von verständlichen Texten auf verschiedenen Sprachniveaus definiert. Bisher konnten wir nur die Komplexität von Satzstrukturen und Wörtern erfassen. Mithilfe von KlarCheck-Tools ermitteln wir auch Indexwerte von Verbindungen zwischen Sätzen und Wörtern. Damit können wir ermitteln, wie verständlich die Texte gedankliche Zusammenhänge wiedergeben.
  • Der Vergleich von Mustertexten ermöglicht es uns, die Richtwerte dieser Verbindungen für die einzelnen Sprachniveaus zu bestimmen. Wir können für einen „leicht verständlichen“ Text feststellen, wie nahe er der Einfachen oder der Leichten Sprache ist. Damit lässt sich zum Beispiel die Leistung von KI-Tools, die „vereinfachte Texte“ anbieten, differenziert bewerten.
  • Die Analyse der sprachlichen Verbindungen ist aussagekräftiger, als allgemeine Indexwerte zur Länge oder Struktur von Sätzen bzw. Wörtern. Beispielsweise erreichen viele vereinfachte Texte 18 bis 20 Punkte auf der HIX-Skala: in Einfacher ebenso wie in Leichter Sprache. Erst die zusätzliche Analyse der leichten Verbindungen gibt genaueren Aufschluss über das Sprachniveau der jeweiligen Texte. Insbesondere hilft sie zu beurteilen, inwieweit die Texte der Standardsprache entsprechen.

Das Tool KlarCheck-Light, das wir hier eingesetzt haben, arbeitet mit einem detaillierten Prompt im „Nachdenk-Modus“ von ChatGPT. Es kann die meisten Verbindungen formal und funktional erkennen, aber nicht immer syntaktisch exakt bewerten. Notwendig ist also die begleitende menschliche Analyse. Wir möchten alle Interessierten zum Testen des Tools ermuntern!

Sabine Manning

26.5.2026

Für Anregungen zu diesem Beitrag danke ich Bettina Mikhail und Uwe Roth vom Infoportal Einfache Sprache.

ANHANG

Die folgende Übersicht ist auch als PDF-Datei mit aktiven Links verfügbar!

Bild erzeugt von Sabine Manning mit ChatGPT/DALL-E innerhalb des KI-Tools KlarCheck-Light.

URL von KlarCheck-Light:
https://chatgpt.com/g/g-69d89d8a3c3881919e617678cc0b1bb9-klarcheck-light


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