Die Sprache in den Zeiten —– Die Zeiten in der Sprache

Unsere Sprache bildet vieles ab, auch die zeitlichen Aspekte wie z.B. Gegenwart und Vergangenheit. Vor allem Wörter und Wendungen wandeln sich mit der Zeit. Sehen wir uns genauer an, wie Sprache und Zeit miteinander umgehen.

Neubenennungen oder Retronyme

Eine Waage war schlicht immer eine Waage, bis dann die Digitalisierung kam. Unsere moderne digitale Küchenwaage verpasste meiner schönen alten Briefwaage den Namenszusatz analoge Waage. Digitale Uhren machten die anderen Uhren nachträglich zu analogen Uhren. Die vielen neuen Mobilfunknetze machten das gute alte Telefonnetz zum Festnetz. Nachdem auch Bilder und Filme ausgestrahlt werden konnten, wurde der gute alte Rundfunk zum Hörfunk. Alle diese durch Neuentwicklungen bedingten nachträglichen Namensänderungen erfassen wir mit der Kategorie der Retronyme.

Redewendungen und Metaphorik

Einen weiteren Zeitaspekt finden wir in unseren zahlreichen Redewendungen, in denen es von Metaphern nur so wimmelt, und die uns an Vergangenes erinnern:

Den alten Wein in neuen Schläuchen gab es ja wirklich mal (wie auch umgekehrt.)

Das Fell über die Ohren ziehen, das gab es früher ganz praktisch auch, z.B. beim Schlachten eines Kaninchens.

Da wurde dann auch mal das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, das Pferd von hinten aufgezäumt, und man ließ sich nicht gern vor den Wagen eines Anderen spannen. Und die Zimmerleute freuten sich, wenn das Brett astrein war und sie dicke Bretter bohren konnten.

Etymologie ist eben die Mutter aller Sprachbetrachtungen.

Veraltete Bezeichnungen oder Anachronyme

Vor jedem Wintereinbruch bringe ich mein Auto in die Werkstatt zum Reifenwechsel, was ja längst nicht mehr stimmt, denn die machen dort einen Radwechsel. Reifenwechsel war früher mal und ist somit heute ein Anachronym.

Meine leergeräumte Wohnung übergebe ich nach Staubsauger- oder Saugroboter-Einsatz besenrein. Besen und Fegen war früher, und somit ist besenrein ebenfalls ein Anachronym.

Piloten verlassen sich beim Landeanflug in der Dunkelheit auf eine gute Landebahn-Ausleuchtung. Diese heißt aber noch immer Befeuerung.

Auf dem Bahnsteig bewundere ich die moderne, stromlinienförmige Lokomotive des einfahrenden IC. Die heißt aber seit Jahrzehnten schon Triebkopf.

Apropos ‚Triebkopf‘…: Im ‚Briefkopf‘ meines Mail-Programms gibt mir die Cc-Zeile die Möglichkeit, Kopien meines Schreibens gleichzeitig an weitere Personen zu versenden. Cc steht für das englische ‚carbon copy‘. Das waren jene Kohlepapier-Kopien, also Durchschläge, die man früher mit der Schreibmaschine mit kräftigem Anschlag erstellte.

Alle diese Beispiele zeigen: Die Techniken und Technologien haben sich in vielfacher Weise weiter entwickelt. Aber die Sprache ist oft nicht mitgegangen. Sie ist beim Alten geblieben, hat es bewahrt, es gleichsam in anachronistischer Hinsicht archiviert, eben mit Anachronymen. Sie sind eigentlich doch etwas Schönes!

Gastbeitrag von Helmut Reisener

P.S. Die deutsche Sprache kennt den Terminus ‚Anachronym‘ noch gar nicht. Wikipedia fordert dazu auf, ihn doch einzubringen. Sollte man?

Bildquelle: Big Ben London etyek [Flickr]

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Ein Gedanke zu “Die Sprache in den Zeiten —– Die Zeiten in der Sprache

  1. Ich unterscheide gemäß des Anwendungsbezuges primär zwischen Umgangssprache und Formalsprache und gemäß dem auch zwischen Verbal- und Schriftsprache. Sekundär gilt es mir die Herkunft in Betracht zu ziehen, einerseits von wo die Anwendung her übernommen wurde (des Anwenders Übernahme) und andererseits, wo der Grundsatz der Anwendung her stammt (Ursprung).

    Was ich damit verbunden feststelle ist, daß man weiträumig das Verhältnis ‚völkischer Abstammung‘ außen vor stellt und auch gar nicht in Erscheinung treten läßt, was daher kommt, daß für die Schriftsprache die Norm des Neutrums vorgegeben ist. Und da es die ‚Professionellen‘ sind, welche die Sprache darstellen, bilden, organisieren, andere bilden darin, etc., so ergibt sich daraus auch die Gegebenheit relativer Einseitigkeit.

    Diese Formalsprache entspricht jedoch nicht dem allgemeinen Sprachumgang, worin nämlich grundsätzlich das Personelle inhaltlicher Bestandteil der Anwendung ist. Der Mensch kann nämlich gar nicht rein sachlich sein, denn er ist ein Empfindungswesen. Somit ergibt sich daraus auch ein grundsätzliches Nebeneinander beider Verhältnisse.

    Es verhält sich darin nicht anders, wie zwischen Physis und Psyche oder auch Staat und Mensch. Reine Sachlichkeiten sind rein geistige Projektionen, welche der Sinnlichkeit entbehren 😉

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