Einfache Sprache zu entdecken

Viel wird über das Für und Wider der Leichten Sprache gestritten (z.B. im SWR2: Wem nützt die Leichte Sprache?). Doch wenige wissen, was Einfache Sprache ist. Beide klingen zum Verwechseln ähnlich. Sie haben auch ein gemeinsames Anliegen: die ’normale‘ Sprache, wenn sie schwer verständlich ist, verstehbar zu machen. Dabei werden mit ‚einfach‘ und ‚leicht‘ verschiedene Stufen markiert: Leichte Sprache ist für Menschen mit Lernbehinderungen entwickelt worden und formal geregelt. Einfache Sprache richtet sich vor allem an Menschen mit geringen Deutschkenntnissen oder Leseschwierigkeiten. Sie ist vielgestaltig und kann von ’normaler‘ Sprache bis zu Leichter Sprache reichen (vgl. ABC der Einfachen Sprache).

Wir wollen in diesem Beitrag Fragen zur Einfachen Sprache aufwerfen und Beispiele für die Vielfalt Einfacher Sprache erörtern.

berliner-buechertisch-ausschnitt

Berliner Büchertisch : Bücher für alle

Reden wir von Einfacher oder einfacher Sprache?

So eine Frage klingt spitzfindig, doch tatsächlich lassen sich mit der Schreibung ‚E‘ oder ‚e‘ gewisse Herangehensweisen unterscheiden.

Die einfache Sprache beginnt schon mit dem Versuch, sich schlicht, klar und verständlich auszudrücken (guter Rat von Stilmeistern wie Wolf Schneider!). Das machen Lehrer im Unterricht oder Politiker, die ein breites Publikum erreichen wollen, aber auch Autoren von Gedichten und Liedern (besonders schön konnte das Paul Gerhard!).

Wie dieser Stil anzuwenden ist, zeigt ein Leitfaden für klare und einfache Sprache, den das Kultusportal Baden-Württemberg für die Öffentlichkeitsarbeit anbietet.

Mit Einfacher Sprache hingegen wird ein stärker strukturiertes Herangehen bezeichnet. Dazu gehören bestimmte Vorgaben, vor allem

  • Verständliche Wörter; möglichst ohne Fachbegriffe, Fremdwörter oder Abkürzungen (wenn ja, erklären);
  • Kurze Sätze mit einfacher Struktur (wenige Nebensätze, keine Schachtelsätze, keine komplizierte Grammatik);
  • Logisch aufgebauter Text, in kleine Absätze untergliedert; mit Hervorhebungen;
  • Klare Fotos und Zeichnungen, die zum Text passen;
  • Gut lesbare Schrift (mit deutlichen Buchstaben und Zeilenabständen).

Hierbei gibt es jedoch viel Freiraum: Jeder Herausgeber oder jede Autorin kann seine/ihre Texte mit eigenen Regeln gestalten. Das zeigen die Infoseiten von Anbietern wie Klar & Deutlich: Agentur für Einfache Sprache, Literaturhaus Frankfurt, Multisprech: Sag es EINFACH und Wort-Marie/Einfache Sprache.

Damit entsteht eine vielgestaltige Einfache Sprache, die aber gemeinsame Grundsätze hat und sich von beliebiger einfacher Sprache abhebt. Mitunter reichen die verwendeten Regeln bis hin zur Leichten Sprache.

Allerdings sind nicht alle Publikationen mit strukturiertem Textangebot am großen ‚E‘ zu erkennen. So hat die Reihe einfach Politik (Bundeszentrale für Politische Bildung) selbst am Titelanfang ein kleines ‚e‘ !

Wie unterscheiden sich Einfache und Leichte Sprache?

SPRACHLICH gesehen ist der Übergang zwischen Einfacher und Leichter Sprache fließend. Das zeigen z.B. die Blogtexte in Einfacher Sprache von Wort-Marie. Diese sind auch für Menschen aus der Zielgruppe der Leichten Sprache gedacht.

Wiederum sind Texte in Leichter Sprache für alle Leser verständlich. Nützlich ist das bei kurzen Informationen oder Nachrichten. In Ausstellungen, z.B. Deutscher Kolonialismus im Deutschen Historischen Museum, werden solche Extratexte auch von eiligen Besuchern gelesen. Ebenso können Erzählungen in Leichter Sprache, beispielsweise die Geschichten zum Evangelium  oder die Lousbergsage, für viele Menschen mit Leseschwierigkeiten ansprechend sein.

Doch bei längeren Texten oder komplexeren Themen machen sich INHALTLICHE Besonderheiten der Leichten Sprache stärker bemerkbar, u.a. der kleinere Wortschatz und das Vermeiden von Konjunktiv, von Verneinung sowie größeren Zahlen. Dazu kommt die intensive Erläuterungspraxis, insbesondere kleine Erzählschritte und eingeschobene Erklärungen (deutlich z.B. in der  Nachricht über Nitrat im Grundwasser), ergänzt durch spezielle Bilder.

Diese Erläuterungspraxis ist wertvoll für Menschen mit Lernbehinderungen, doch sie könnte andere Leser unterfordern und deren Drang nach Information (besonders bei umfangreichen Texten) bremsen. Die Einfache Sprache hingegen kann unterschiedliche Lesefähigkeiten und -ansprüche besser überbrücken und somit eine größere Leserschaft erreichen.

Allerdings sind die Lesechancen ungleich verteilt: Gute Texte für Menschen mit Lernbehinderungen sind rar und alle Mühe wert (wie z.B. die Angebote von Lebenshilfe Bremen, vom Netzwerk Leichte Sprache und von Einzelautoren wie Astrid Felguth: ein Buch über die Nazizeit). Dagegen haben Menschen mit geringen Deutschkenntnissen oder Leseschwächen viel mehr Möglichkeiten, Lektüre zu finden.

Was bietet Einfache Sprache gegenüber normaler Sprache?

Einfache Sprache erreicht viele Menschen, denen normale Sprache – etwa Zeitungsdeutsch, Fachtexte, Behördensprache oder auch Literatur – zu schwierig ist. Ihre mangelnde Lesefähigkeit kann unterschiedliche Gründe haben: z.B. geringe Bildung, andere Muttersprache, Lese- und Rechtschreibschwäche, Lesestörungen (Legasthenie) oder altersbedingte Einschränkungen.

Für diese große Zielgruppe wären Sprachangebote wünschenswert, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Beteiligten abgestimmt sind. Das geschieht schon für Flüchtlinge und Migranten sowie für Deutschlernende. Doch im übrigen sind die Adressaten meist weit gefasst. Was eher auffällt, sind verschiedene Anwendungsweisen der Einfachen Sprache – jeweils als Alternative zur normalen Sprache:

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Für öffentliche Mitteilungen gibt es Zusatzangebote in Einfacher Sprache. In diesen Texten werden die hauptsächlichen Inhalte der ursprünglichen Quellen in fasslicher und oft kürzerer Form vermittelt. Damit gehen zwar Feinheiten der Aussage verloren, aber es wird auch sprachlicher Ballast abgeworfen. So entstehen Texte in einfacher aber durchaus wirksamer Sprache. Zu solchen Angeboten gehören

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Einfache Sprache kann unnötig schwierige Texte auch komplett ersetzen. Das betrifft Informationen zum täglichen Leben, die alle Bürger – Verbraucher, Bewohner oder Kunden – verstehen sollen. Zwei Beispiele führen vor, was möglich ist:

  • Irische Energiekonzerne sind verpflichtet, verständliche Gebrauchsanweisungen für alle Kunden  herauszubringen (vgl. Blickpunkt alpha: Eine klare Ansage). Die bisherigen Texte werden in plain English übertragen, d.h. klar, kurz und unkompliziert – ähnlich der Einfachen Sprache.
  • Wie Behördendeutsch durch Einfache Sprache ersetzen werden kann, zeigt Klar & Deutlich (Agentur für Einfache Sprache): aus einer umständlichen Parkanweisung wird ein  kurzer und bürgernaher Hinweis zum Parken.

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Andererseits wird Einfache Sprache genutzt, um komplizierte Originaltexte zu erläutern. Das bietet sich bei Fachsprachen an, deren Begriffe und Wendungen in der Bedeutung feststehen und daher nicht ohne weiteres übersetzt werden können. Erläuterungen in Einfacher Sprache gibt es z.B. für

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Einfache Sprache ist auch ein wichtiges Medium beim Deutschlernen. Sie entspricht dem Sprachniveau A2/B1, das in vielen Kursen (u.a. Deutschtest für Zuwanderer) angestrebt wird. Einfache Sprache findet sich, wenn auch nicht so genannt, in den Texten für diese Lernstufe. Zugleich ist sie beim Vermitteln und Erwerben von Deutschkenntnissen beteiligt. Wie Einfache Sprache im Lernprozess wirksam wird, kann man hier erfahren:

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Schließlich wird Literatur in Einfacher Sprache herausgebracht. Das können Versionen von vorhandenen Werken sein, oder auch ursprüngliche Bücher und Geschichten. Mit dieser Lektüre lassen sich Menschen gewinnen, die vielleicht sonst kein Buch in die Hand nehmen würden oder eine Starthilfe dazu brauchen. Die Palette an Themen ist breit:

Fazit: Die vielfältigen Herangehensweisen und Beispiele zeigen nicht nur, wie Einfache Sprache den Menschen mit Leseschwierigkeiten helfen kann. Sie deuten auch auf Qualitäten der Einfachen Sprache (kurze und leicht fassliche Texte), die ’normalen‘ Lesern entgegenkommen. Zugleich können Angebote in Einfacher Sprache das Deutschlernen erleichtern, die Lesefähigkeit fördern und das Interesse am Lesen überhaupt wecken.

Wir hoffen, dieser Beitrag regt zu weiteren Erkundungen und zum Gedankenaustausch über Einfache Sprache an! 

Sabine Manning

Bildnachweis:
Berliner Büchertisch: „Bücher für alle“ Neukölln 2013 (Ausschnitt) [Flickr]

Anmerkung:

Eine kurze Fassung dieses Beitrags ist in der Freitag Community unter dem Titel „Schwere deutsche Sprache? Versuch’s EINFACH!“ erschienen.

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3 Gedanken zu “Einfache Sprache zu entdecken

  1. Liebe Sabine Manning,
    danke für diesen informativen Text über Leichte Sprache und einfache Sprache.
    Ich finde es auch wichtig, dass es mehr verständliche Texte gibt, die viele Menschen lesen können.
    Dafür sind Texte in Leichter Sorache und in einfacher Sprache wichtig.
    Ich möchte etwas ergänzen.

    Zur Leichten Sprache möchte ich sagen, dass sie ursprünglich aus der Selbstbestimmungsbewegung kommt und für viele Menschen mit Lernschwierigkeiten wichtig ist.
    Alle Menschen haben ein Recht auf Informationen und da ist Leichte Sprache sehr wichtig.
    Leichte Sprache ist eine barrierefreie Sprache. Menschen mit Leseproblemen prüfen, ob ein Text verständlich ist. Danach können sehr viele Menschen den Text verstehen.
    Deshalb ist Leichte Sprache aus meiner Sicht nicht nur für Menschen mit Lernschwierigkeiten geeignet. Gerade sehr schwere Inhalte können sehr gut in Leichter Sprache vermittelt werden. Natürlich interessieren nicht alle Texte in Leichter Sprache alle z.B. über bestimmte Inhalte, die nur für Menschen mit Behinderung von Bedeutung sind.

    Ich finde, wir können uns über viele verständliche Texte freuen- in Leichter Sprache und in einfacher Sprache. So können die Leser selber bestimmen, was sie lesen wollen. Denn darauf kommt es an, dass viele Menschen Informationen bekommen und so mitreden können.

    Viele Grüße
    Astrid Felguth

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  2. Der Beitrag von Sabine Manning zeigt auf, wie vielfältig Einfache Sprache ist und wie vielseitig sie eingesetzt werden kann. Das unterstreicht ihre Berechtigung und ihren Nutzen.

    Gleichzeitig wird deutlich, dass es nicht um beliebiges „irgendwie leichter Formulieren“ geht. Einfache Sprache folgt bestimmten Strukturen und Regeln (wenn auch nicht so eindeutig definiert wie bei der Leichten Sprache).

    Als sehr zutreffend empfinde ich die Formulierung, dass Einfache Sprache ’sprachlichen Ballast abwirft‘. Doch nicht nur das: Auch inhaltlicher Ballast wird abgeworfen.

    Befreit von umständlichen und verwirrenden Überflüssigkeiten besticht ein gelungener Text in Einfacher Sprache durch Geradlinigkeit, Fokussiertheit und Klarheit.

    Danke für diesen Artikel, der einen guten Ein- und Rundblick zum Thema gewährt.

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  3. Vielen Dank an Astrid Felguth und Gudrun Nilius für die anregenden Kommentare und die interessanten Gespräche im Vorfeld dieses Beitrags! Vor allem zwei Erkenntnisse finde ich bereichernd:

    Freuen wir uns über viele verständliche Texte – ob in Leichter oder einfacher Sprache. Die Leser mögen selber bestimmen, was sie lesen wollen! Denn darauf kommt es an, dass viele Menschen Informationen bekommen und so mitreden können (Astrid Felguth).

    Mit Einfacher Spracher lässt sich sprachlicher UND inhaltlicher Ballast abwerfen: „Befreit von umständlichen und verwirrenden Überflüssigkeiten besticht ein gelungener Text in Einfacher Sprache durch Geradlinigkeit, Fokussiertheit und Klarheit“ (Gudrun Nilius).

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