Was heißt hier EINFACH?

Eine Übersicht der Formen, Zielgruppen und Merkmale Einfacher Sprache

In unserer Diskussion um verständliche Sprache taucht zunehmend der Begriff Plain Language auf. Dieser Begriff bezieht sich vor allem auf eine Initiative, die von den USA ausgegangen ist. Dort gibt es eine Verordnung, die die Bundesbehörden zu einer klaren Sprache auffordert. Die Bürger sollen relevante Informationen leicht finden, sofort verstehen und selbst anwenden können. Diese Sprache wendet sich an Menschen mit üblicher Bildung, nicht an Menschen mit Lern- oder Leseschwierigkeiten (Quellen zu Plain Language in Anhang A).

Inzwischen haben sich viele Länder dem Netzwerk Plain Language Association International (PLAIN) angeschlossen. Sie bringen ihre eigenen Ansätze einer einfachen, klaren, bürgernahen oder verständlichen Sprache mit. Beteiligte aus den deutschsprachigen Ländern wollen jetzt eine Gruppe innerhalb von PLAIN aufbauen (DACH = DE/AT/CH). In deren Mittelpunkt steht die Einfache Sprache. Was kann sie in die weltweite Plain Language einbringen?

Formen Einfacher Sprache

Einfache Sprache ist eine Bücke zwischen der Leichten Sprache und der Standardsprache. Die Leichte Sprache unterstützt Menschen mit Lernbehinderung und ist klar geregelt. Die Einfache Sprache  deckt einen vielfältigen Bedarf an barrierearmer Kommunikation ab. Vor allem soll sie Menschen mit Leseschwierigkeiten, Deutschlernende und Bürger mit mangelnden Fachkenntnissen erreichen. Doch sie kann auch anderen Zielgruppen zugute kommen. So begegnet uns Einfache Sprache in verschiedenen Formen und Bezeichnungen (Quellen siehe Anhang B):

  1. Der Standardsprache am nächsten ist Einfache Sprache im Sinne bürgernaher oder klarer Sprache. Sie soll Informationen aus Fachgebieten wie Verwaltung, Recht und Medizin verständlich machen. Sie soll aber auch Wissen an Experten anderer Disziplinen vermitteln. Insgesamt geht es um Sachtexte. Zielgruppen sind Menschen mit allgemeiner oder höherer Bildung sowie die Allgemeinheit (vgl. Andreas Baumert; Klarsprache.at; Klartext-Initiative). Diese Form Einfacher Sprache entspricht am ehesten der Plain Language.
  2. Häufig erfasst Einfache Sprache den gesamten Bereich zwischen Leichter Sprache und Standardsprache. Die Angebote umfassen Texte aller Art. Zu den Zielgruppen gehören Menschen mit Leseschwierigkeiten, Deutschlernende und Laien auf Fachgebieten, aber auch Menschen mit Lernbehinderung und ‚alle Menschen‘. Dabei variiert das angestrebte Niveau je nach Textinhalt und Zielgruppe (vgl. Wagner/Scharff und Mansour Neubauer).
  3. Besondere Modelle streben einen fließenden Übergang von Leichter zu Einfacher Sprache an.
    (a) Das Konzept „Leichte Sprache Plus“ (vgl. Christiane Maaß) erweitert die sprachlichen Möglichkeiten und zugleich die Akzeptanz der Leichten Sprache in Richtung Einfacher Sprache.
    (b) Das Format „Leicht Lesen“ (capito) verwendet die Sprachstufen A1, A2 und B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens.
    (c) Das VERSO-Konzept Verständliche Sprache umfasst Leichte und Einfache Sprache; es bietet Texte jeweils bezogen auf die Zielgruppen an (vgl. VERSO Dresden gGmbH).

Die folgende Übersicht (Quellen Anhang B) zeigt die oben genannten Formen und Bezeichnungen Einfacher Sprache:

Besonders die Modelle 3a bis 3c markieren das Experimentierfeld, in dem sich Einfache Sprache gegenwärtig bewegt. Sie lassen einen Trend hin zu integrierten Formen für vielfältige Zielgruppen erkennen.

Angebote Einfacher Sprache

Wie sieht nun das tatsächliche Angebot Einfacher Sprache aus? Hierzu haben wir die Angaben von Produzenten und Produkten Einfacher Sprache ausgewertet. In den Vergleich haben wir alle Angebote mit hinreichend aussagekräftigen Angaben einbezogen. Insgesamt sind das 22 Angebote, die von der Vielfalt Einfacher Sprache zeugen (Quellen und Daten siehe Vergleichende Übersicht in Anhang C):

Die Angebote sind breit gefächert: Sie umfassen Informationen zu Sachgebieten, Nachrichten von Medien und Literatur für Jugendliche und Erwachsene. Sie kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zu den Angeboten gehören sowohl Übersetzungen als auch Originaltexte. Meist stammen sie von Sprachexperten aus Textbüros, Agenturen und Verlagen. Teilweise verfassen sprachlich geschulte Fachleute die Texte. Bei einigen Angeboten wirken Vertreter der Zielgruppen im Schreibprozess mit (einfach Politik, Inklusive Lehrredaktion, VERSO).

Aufschlussreich ist, welche Zielgruppen und sprachlichen Merkmale die Angebote aufweisen.

Zielgruppen Einfacher Sprache

Die folgende Grafik zeigt, wie oft jede Zielgruppe in den insgesamt 22 Angeboten genannt wird. Dies sind Mindestwerte, denn nicht alle Angebote haben ausführliche Angaben (Quellen und Daten siehe Vergleichende Übersicht in Anhang C).

Aus der Grafik geht hervor, dass sich die Angebote Einfacher Sprache vor allem an Menschen mit geringer Lesefähigkeit und mit anderer Muttersprache (Deutschlernende) richten. Das sind die hauptsächlichen Zielgruppen der Einfachen Sprache. Aber auch Menschen mit Lernbehinderung sind einbezogen. Darüber hinaus sollen die Angebote viele oder alle Menschen erreichen. So erweist sich das Angebot Einfacher Sprache als allseitig inklusiv.

Merkmale Einfacher Sprache

In der folgenden Grafik sind Angaben zu Merkmalen der Einfachen Sprache zusammengefasst. Hinter diesen Angaben stehen häufig einzelne Regeln oder Empfehlungen. Beispielsweise bezieht sich das Merkmal  ‚verständliche Wörter‘ auf Regeln wie ‚Fremdwörter vermeiden‘, ‚Abkürzungen ausschreiben‘ und ’schwierige Wörter erklären‘. Auch diese Grafik zeigt Mindestwerte, denn nicht alle Angebote haben ausführliche Angaben (Quellen und Daten siehe Vergleichende Übersicht in Anhang C).

Aus diesen Merkmalen und den enthaltenen Regeln lassen sich allgemeine Richtlinien für die Einfache Sprache ableiten (siehe Infoportal: ABC der Einfachen Sprache) :

  • Kurze Wörter: zusammengesetzte Wörter möglichst auflösen oder Bindestriche (soweit üblich) setzen;
  • Verständliche Wörter: Grundwortschatz; möglichst keine Abkürzungen, keine Fachbegriffe oder Fremdwörter (wenn nötig, erklären);
  • Einfache Wortformen: starke Verben (statt Substantiv + schwaches Verb); möglichst Aktiv statt Passiv; selten Konjunktiv;
  • Kurze Sätze mit einfacher Struktur: etwa bis 15 Wörter pro Satz (selten bis 20 Wörter); möglichst Subjekt – Prädikat – Objekt; höchstens ein Nebensatz; kein Schachtelsatz;
  • Übersichtlicher Text: logisch aufgebaut; in kleine Absätze untergliedert; mit Zwischenüberschriften und Hervorhebungen;
  • Gut lesbare Schrift: serifenlose Buchstaben, Schrift größer als üblich,  große Zeilenabstände;
  • Deutliche Fotos und Zeichnungen, die zum Text passen.

Fazit

Einfache Sprache hat sich im Spannungsfeld zwischen Leichter Sprache und Standardsprache herausgebildet. Sie steckt noch in den Anfängen: Sie ist weniger bekannt als die Leichte Sprache und weniger ‚greifbar‘, da sie keine gemeinsamen Regeln oder Standards hat.  Das sind zugleich ihre Nachteile gegenüber der bereits etablierten Plain Language.

Die Einfache Sprache hat aber auch Vorzüge:

  • Sie ist inklusiv, indem sie das ganze Spektrum barrierearmer Kommunikation und deren Zielgruppen erfasst.
  • Sie bezieht Erfahrungen und Forschungsergebnisse der Leichten Sprache ein und knüpft zugleich an Stilschulen für die Standardsprache an.
  • Sie erstreckt sich über alle Themenfelder und Textarten: von Sachinformationen über Nachrichten bis zur Literatur.

Diese Vorzüge kann die Einfache Sprache weiter ausbauen und in die weltweite Bewegung von Plain Language einbringen.

Sabine Manning

QUELLEN

A. Plain Language

  • Baumert, Andreas: Leichte Sprache – Einfache Sprache. Literaturrecherche • Interpretation • Entwicklung. Hannover 2016 [Info] [PDF] S. 85f.
  • Center for Plain Language (USA) > Five Steps to Plain Language [Link
  • Maaß, Christiane: Easy Language – Plain Language – Easy Language Plus (Leichte Sprache – Einfache Sprache – Leichte Sprache Plus). Frank & Timme 2020 [Info][PDF] S. 140-143
  • Plain English: At a Glance. Plainlanguage.gov (USA) [Link]
  • Plain Language Association International (PLAIN) [Link]
  • Roth, Uwe: Plain Language und Einfache Sprache. Blog leichtgesagt.eu 13.2.2019 [Beitrag]

B. Formen der Einfachen Sprache

  • Baumert, Andreas: Einfache oder Leichte Sprache: Eine Entscheidungshilfe. Spaß am Lesen Verlag 2020 [Info] [Download] S. 1-6
  • Capito (Graz): Die capito Methode [Link
  • Maaß, Christiane: Easy Language – Plain Language – Easy Language Plus (Leichte Sprache – Einfache Sprache – Leichte Sprache Plus). Frank & Timme 2020 [Info][PDF] S. 12-14
  • Klarsprache.at – Gesellschaft zur Förderung lesbarer Texte [Link]
  • Klartext-Initiative Universität Hohenheim: Basisregeln und Checkliste [Link]
  • Neubauer (Ismaiel), Mansour: Einfache Sprache – Grundregeln, Beispiele, Übungen. 2019 [Link] S. 13-16
  • VERSO Dresden gGmbH: Verständliche Sprache > Das Projekt [Link]/ Das Unternehmen [Link]
  • Wagner, Susanne und Scharff, Susanne: Über die Unterschiede zwischen Einfacher und Leichter Sprache. In: vds Landesmitteilungen Sachsen 2/2014, S. 28-30 [Link]

C. Zielgruppen und Merkmale der Einfachen Sprache

Angebote Einfacher Sprache: Zielgruppen, Niveaustufen und Regeln. Vergleichende Übersicht. Multisprech/ Sabine Manning. E1 17.11.2020 [PDF]

 

3 Gedanken zu “Was heißt hier EINFACH?

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