Alles klar?!

Initiativen für verständliche Kommunikation im öffentlichen Leben

Täglich stolpern Menschen über Texte, die schwer verständlich sind. In vielen Bereichen könnte eine einfachere Sprache das Leben leichter machen: Bürger möchten die Schreiben vom Amt verstehen; Berufstätige und Jobsuchende benötigen klare Hinweise; Patienten wollen wissen, was in den Beipackzetteln steht; Kunden brauchen verständliche Anleitungen; Wähler erwarten klar formulierte Programme; Migranten und Touristen freuen sich über gut lesbare Informationen. Vor allem Menschen mit Lese- oder Lernschwierigkeiten sind auf leicht verständliche Texte angewiesen. Doch praktische Vorstöße sind bisher rar und wenig bekannt. Versuchen wir daher, Initiativen für verständliche Kommunikation aufzuspüren. Lassen sich schon Wege zu mehr Verständlichkeit erkennen?

Ernährungstram mit den 10 Regeln der DGE

Einen ersten Überblick großer und kleiner Initiativen bietet die Multisprech-Seite Einfach für alle. Es ist aufschlussreich, die Angebote für verständliche Kommunikation in den verschiedenen Lebensbereichen zu vergleichen. Besonders interessiert uns dabei, welche Varianten verständlicher Sprache genutzt werden (vgl. ABC der Einfachen Sprache). Hier sind vorläufige Erkenntnisse mit ausgewählten Beispielen aufgeführt:

Für Berufstätige und Jobsuchende gibt es anspruchsvolle Vorhaben: Eine Evaluationsstudie (LeiSA: Info/ Ergebnisse) soll die Möglichkeiten Leichter Sprache im Arbeitsleben erschließen; ein bundesweites Projekt will Bewerber in Einfacher Sprache durch den beruflichen Anerkennungsprozess führen (Info vom BIBB). Hilfreich sind auch zwei Broschüren zu Regeln und Anwendungen der Leichten Sprache für Arbeitsagenturen und Jobcenter (Projekt klever-iq). Bei den praktischen Angeboten ist Einfache Sprache verbreitet: Infohefte zur Arbeitssicherheit, eine Begleitbroschur für einen Werkstattvertrag, Informationen in einem Jobcenter und Erklärkarten zur Berufsberatung. Zu einer Bewerbung online ermuntert die Webseite Bewerben.Leicht (Projekt von KulturLife).

Wie die Ämter ihre Bürger informieren sollten, ist bereits nachzulesen, u.a. in Leitsätzen für eine „bürgerfreundliche“ Verwaltungssprache bzw. in einem Leitfaden für „klares und deutliches“ Schreiben. Nur für die praktische Umsetzung fehlt es bislang an politischem Willen und finanziellen Mitteln (vgl. Blogbeitrag Amtsdeutsch adé!?). Voran helfen könnte der diesjährige Beschluss der Finanzminister der Länder, Vordrucke und Schreiben der Finanzverwaltungen bundesweit in bürgerfreundlicher Sprache herauszubringen. Weitere Vorreiter sind das europäische Portal für Beschwerden der Bürger und regionale Projekte wie die Servicestelle Bremen für den öffentlichen Dienst. Aber auch Einzelinitiativen zeugen von allgegenwärtigem Handlungsdruck, z.B. das Schulden-Wörterbuch (Österreich), die Erklärungshilfen für die Schuldnerberatung und Informationsangebote von Stadtverwaltungen (Dresden, Frankfurt, SaarbrückenWorms). Zumeist sind diese Texte in Einfacher Sprache verfasst.

Auf gut lesbare Informationen sind auch Migranten angewiesen. Beispielgebend ist die Orientierungshilfe für das Leben in Deutschland (in normaler und leichter Sprache). Über politische und rechtliche Fragen informieren die Hefte Flucht und Asyl und Sächsische Härtefallkommission. Praktische Ausfüllhilfen für Formulare werden angeboten. Ebenfalls nützlich sind regionale Ratgeber, z.B. Hannover: Ankommen in  Deutschland.

Politische Organisationen wollen Bürger und vor allem Wähler mit leicht lesbaren Texten erreichen. Besonders engagiert ist die Bundeszentrale für politische Bildung  mit zahlreichen Angeboten von „Einfach Politik“ (Heftreihe/ Webseite). Auch Einrichtungen wie der Bundesrat, das Parlament und der Landtag Sachsen Anhalt präsentieren sich leicht verständlich. Erstmals hat ein Abgeordneter im Landtag des Saarlandes eine Rede in Einfacher Sprache gehalten. Mehrere Nachrichtenportale bieten leicht lesbare Informationen an (vgl. Einfach Lesen: Nachrichten). Im Vorfeld der Bundes- und Landtagswahlen werden die großen Parteien aktiv. Sie geben Wahlinformationen und -programme meist in Leichter Sprache heraus (am besten im Hurraki Tagebuch nachzulesen!). Zur Bundestagswahl 2017 erschien zudem ein anschauliches Plakat in Einfacher Sprache (bpb).

Kunden und Nutzer finden wenig leicht Verständliches. Internet-Beginner können sich in einem Leitfaden und einem Glossar, jeweils in Einfacher Sprache, informieren. Für Computer-Spiele und Fußball-Regeln sind Hefte in Leichter Sprache verfügbar. Ob es allerdings leicht lesbare Anleitungen für Konsumgüter gibt, bleibt noch zu ermitteln. Am dringendsten sind gewiss verständliche Versionen von Kaufverträgen und Geschäftsbedingungen. So bietet die Sparkasse das kundenfreundliche Portal „Geld einfach verstehen“ an, und PayPal hat seine Nutzungsbedingungen in Leichter Sprache veröffentlicht. Weitere Schritte könnten von Richtlinien der EU ausgehen. Beispielsweise haben sich Energiekonzerne in Irland dazu verpflichtet, ihre Kundenkommunikation barrierefrei zu gestalten. Sie setzen dafür ‚plain English‘ ein, d.h. klare und kurze Formulierungen, die der Einfachen Sprache entsprechen (vgl. blickpunktalpha).

Für Patienten werden schon lange verständliche Informationen gefordert. Ein patientenfreundlicher Beipackzettel ist bereits ausgearbeitet. Eine Pilotstudie hat die Wirkung geprüft. Doch die Hürden für eine Umsetzung sind hoch: vor allem wegen juristischer und medizinischer Anforderungen an Information über Arzneimittel (vgl. Blogbeitrag Beipackzettel – versteh ich nicht!). Inzwischen haben sich die Gesundheitsminister für verständliche Patientenbriefe ausgesprochen. Hilfreich ist auch das Webportal „Was hab ich?“ für die kostenlose Übersetzung von Befunden. All diese Initiativen für Patienten streben eine verständliche bzw. klare Sprache an.

Auch Touristen und Besucher von Kultureinrichtungen sollten sich problemlos zurechtfinden und informieren können. Mehrere Gedenkstätten und Stiftungen bieten leicht lesbare Informationen an (z.B. Deutscher WiderstandFlucht und Vertreibung, ermordete Juden Europas). Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden hat einen großen Teil seines Internetauftritts in Leichter Sprache gestaltet. Ein weiterer Vorreiter ist das Deutsche Historische Museum in Berlin, in dem sich Besucher barrierefrei bewegen und Begleittexte in Leichter Sprache lesen können. Darüber hinaus regen bundesweit Tagungen und Workshops zu verständlicher Kommunikation in Kultureinrichtungen an.

Unsere erste Übersicht zu verständlicher Kommunikation ist noch recht lückenhaft. Dennoch deutet sich an, dass Initiativen in den verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens ihr jeweils eigenes Gepräge haben, z.B. im Sprachgebrauch: Ämter sollen ‚bürgernah‘ kommunizieren; Informationen aus Politik und Verwaltung sind oft in Einfacher Sprache verfasst; Parteien werben mit Leichter Sprache um zusätzliche Wähler. Die Initiativen unterscheiden sich auch in ihrer Dynamik. Während groß angelegte Vorhaben eher mühsam vorankommen, gibt es immer mehr einzelne Projekte und Angebote. Diese sind zwar weit verstreut, doch oft auf unmittelbare Bedürfnisse ihrer Zielgruppen gerichtet. So können kleine Initiativen zu Vorreitern für verständliche Kommunikation im alltäglichen Leben werden.

Sabine Manning

Zuletzt aktualisiert: 19.11.2018

Quellen für diesen Beitrag: Multisprech-Seite Einfach für alle.

Zusätzlicher Hinweis auf aktuelle Veröffentlichungen:

  • „Leichte Sprache“ – Kein Regelwerk. Sprachwissenschaftliche Ergebnisse und Praxisempfehlungen aus dem LeiSA-Projekt. BMAS/ Universität Leipzig 2018 [Link]
  • Leichte Sprache im öffentlichen Raum. Zusammenfassung des Vortrags von Alexander Lasch auf der Tagung „SPRACHE UND VERMITTLUNG – KOMMUNIKATION IN AUSSTELLUNGEN“ am Deutschen Historischen Museum Berlin in Kooperation mit der Technischen Universität Dresden. Berlin, 12.10.2018 [Link]
  • Barrierefreie Kommunikation. 3 Artikel von Uwe Roth auf kommunal.de (2018) [Link1] [Link2] [Link3]

Bildnachweis: Ernährungstram mit den 10 Regeln der DGE. KErn – Kompetenzzentrum für Ernährung (Ausschnitt) [Flickr]

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