Merk-würdig?

Sammler sprachlicher Kuriositäten haben es heutzutage wegen des üppigen Medienangebots leicht. Man kann in der Presse mühelos Beispiele finden, im Deutschen wie im Englischen, und das Internet liefert frei Haus. Das Angebot an Schwachsinn ist riesig, selbst im ernstzunehmenden politischen Kontext. Wie soll man z.B. eine „Verkurzfristigung von politischem Handeln“ verstehen? Das ist geradezu eine Verunmöglichung (beide Beispiele, nicht satirisch gemeint, in den Potsdamer Neuesten Nachrichten v. 01.02.18).

Die zu Recht gerade jetzt sehr heftig geforderte Gleichbehandlung der Geschlechter nimmt zum Teil skurrile sprachliche Formen an. Kanada hat seine Nationalhymne geschlechtsneutral angepasst. Der Premierminister Trudeau korrigierte unlängst öffentlich eine junge Frau, die in ihrer Rede über die Liebe als wichtige Triebkraft der Menschheit von mankind gesprochen hatte. Er empfahl peoplekind. Das US-amerikanische christliche Medium LIFE SITE will Gott nicht mehr genderspezifisch benennen, sondern regt an, männliche und weibliche Pronomen in religiösen Kontexten zu vermeiden. Gott wird somit zum ES (Internet; PANORAMA; 5. Februar). Im Deutschen gibt es die gleiche Sensibilität und dafür das Wort gendern. Kurioserweise steht es noch nicht im Online-Duden. Bei der Suche danach erscheint die Frage: Meinten Sie kentern? (Zitat im Internet, Veronika Schmidt, Universität Wien). Es wird überall gegendert. Im SPIEGEL stand (2017) in einem Bericht über benachteiligte Väter, dass ein Familiengericht mit einer Verfahrensbeiständin betroffene Kinder vertritt. Es gibt mittlerweile zahlreiche Anleitungen zu einem gendergerechten Sprachgebrauch. Hier einige Beispiele: Sie ist eine Profi/… eine Junkie oder, statt verehrte Mitglieder: Verehrte Anwesende, liebe Mitfrauen und Mitmänner (frauensprache.com, geschlechtergerechte Sprache in der Praxis). Der folgenden Einschätzung (PNN 09.10.17) kann man sich wohl trotz der seltsamen Wortwahl anschließen: „Nach den strengen Regeln der Gender-Fraktion mag manches unterkomplex dargestellt werden…“

Ein weiteres gesellschaftlich bedeutendes und sprachlich ertragreiches Thema ist die Gesundheit. Am 5. Februar war in Großbritannien der National Sickie Day. Der 1. Montag im Februar sieht statistisch die meisten Krankmeldungen, von denen viele wohl nicht ernst zu nehmen sind (My dog has heatstroke, Internetbeispiel). In Deutschland soll es ebenfalls 700.000 eingebildete Kranke geben. Sie leiden u.a. an Cyberchondrie, hervorgerufen durch das Studium zu vieler Gesundheitsinformationen im Internet (Zs MYSELF Februar 16). Zu dieser Gruppe gehören auch Kranke mit einer Hogwarts-Cephalgie (Hogwarts, eine Gestalt in HARRY POTTER). Es handelt sich dabei um Kopfschmerzen durch exzessive Lektüre. Das ist offenbar, wie HPS, das Harry-Potter-Syndrom, ein neuer Terminus in klinischen Wörterbüchern (mehr dazu in Wikepedia). Es ist zu bezweifeln, dass ein Healthineer da weiter helfen kann. Dies ist ein Begriff, der für die Medizintechnik von Siemens in Erlangen vorgestellt wurde ((PNN 14.05.16)

Da hilft eigentlich nur, sich einer Digital-Detox-Bewegung anzuschließen. Sie kann in Deutschland aber möglicherweise nicht so wirksam sein wie in Amerika, wo die Digital-Verweigerer sich in Camps treffen, in denen unter riesigen Redwoodbäumen getanzt wird (PNN 21.06.14). Das geschieht bei totaler Smartphone-Abstinenz, denn FOMO (the fear of missing out), ist ebenfalls eine Verhaltensstörung, bei der die Angst, etwas zu verpassen, zur Wahrnehmung von Phantomanrufen führt. Laut Wikepedia gibt es aber schon die Gegenbewegung YOMO (joy of missing out).

Gastbeitrag von Hiltrud Wedde

Bildnachweis: New Yorker v. 29.11.1993

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Ein Gedanke zu “Merk-würdig?

  1. Ein wunderbarer Beitrag!!!

    Mir scheint, dass in der Öffentlichkeit bezogen auf die Gender-Debatte die Form viel gewichtiger daherkommt als der Inhalt. Als ob sich die Gleichberechtigung von Mann und Frau ( und 3. Geschlecht und was da zukünftig vielleicht noch alles aufgeteilt wird ) durch die Erfindung umständlicher Wortkonstruktionen von allein einstellt. Es ist ja auch viel einfacher, ein Wort zu konstruieren, statt z.B. JEDEM gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu zahlen. Nebenbei: Auch die „Quotenfrau“ stellt sich mir nicht wirklich als eine Lösung des Problems dar…

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