Einfache Sprache neu denken: Rolle im sprachlichen Umfeld

Vorwort zur Reihe „Einfache Sprache neu denken“

Die neuen DIN-Normen*) regen uns an, Einfache Sprache neu zu denken (vgl. Einfache Sprache ist jetzt geregelt). Maßgeblich sind die internationalen Grundsätze und Leitlinien und die sprachspezifischen Festlegungen für das Deutsche (jetzt zusammen als Handbuch erhältlich). Die Einfache Sprache macht Texte für ein allgemeines Lesepublikum verständlich. Die Normen können dazu beitragen, einen Standard der verständlichen Sprache zu entwickeln.
Wir haben bereits die Anstöße der DIN-Normen für die Einfache Sprache umrissen: in unserem ersten Blogbeitrag und dem nachfolgenden Gedankenaustausch von Sprachprofis. Im folgenden Beitrag wollen wir genauer erkunden, welche Rolle die Einfache Sprache im sprachlichen Umfeld spielt. Dabei stellen wir die Einfache Sprache anderen Sprachvarianten gegenüber. Als Ergebnis entwerfen wir eine neue Struktur der Sprachlandschaft. In einem dritten Beitrag werden wir testen, wie man die Einfache Sprache auf Verständlichkeit prüfen kann.

Einfache Sprache neu denken: Rolle im sprachlichen Umfeld

Im vorliegenden Beitrag wollen wir zunächst klären, welchen Platz die Einfache Sprache in der deutschen Sprachlandschaft einnimmt. Danach werden wir ermitteln, welche besonderen Merkmale die Einfache Sprache gegenüber der Fachsprache und der Leichten Sprache hat. Abschließend beleuchten wir das Verhältnis zwischen Einfacher Sprache und ähnlichen Modellen verständlicher Sprache.

  1. Platz der Einfachen Sprache in der deutschen Sprachlandschaft
  2. Merkmale der Einfachen Sprache gegenüber der Fachsprache und der Leichten Sprache
  3. Verhältnis der Einfachen Sprache zu anderen Modellen verständlicher Sprache

1. Platz der Einfachen Sprache in der deutschen Sprachlandschaft

Einfache Sprache schwebt nicht im leeren Raum: Sie basiert auf dem allgemeinen Sprachgebrauch und unterscheidet sich von anderen Sprachvarianten. Mit den DIN-Normen hat sich die Rolle der Einfachen Sprache in diesem Umfeld verändert.

Bisher wurde die Einfache Sprache zumeist als Angebot zwischen Leichter Sprache und Standardsprache betrachtet. Das ist in unserem Beitrag „Was heißt hier EINFACH?“ von 2022 genau beschrieben und grafisch dargestellt. Dieses Angebot war vor allem für Menschen bestimmt, die geringe Schulbildung haben, Deutsch als Fremdsprache lernen oder durch Alter beeinträchtigt sind. Aus dieser Sicht war Einfache Sprache eine „wenig geregelte“ Stufe über der Leichten Sprache oder eine Brücke zur Standardsprache.

Mit den DIN-Normen ändert sich die Rolle der Einfachen Sprache: Sie gehört zur Standardsprache. Sie hat die Fähigkeit und den Anspruch, eine breite Öffentlichkeit bzw. sehr verschiedene Zielgruppen zu erreichen. Sie ist mit Leitsätzen und Regeln ausgestattet, die einen allgemeinen Standard für verständliche Sprache begründen können.

Einfache Sprache hebt sich damit deutlich von der Leichten Sprache ab, die eine Sondersprache für Menschen mit Lernbehinderungen bleibt. Auf der anderen Seite unterscheidet sich Einfache Sprache von Fachsprachen, die auf besonders qualifizierte Leserkreise ausgerichtet sind. Die Fachsprachen verwenden ein spezielles Vokabular und Ausdrucksweisen, die mit den jeweiligen Fachgebieten verknüpft sind. Fachsprachen findet man u.a. in der Politik, Verwaltung, Forschung und Lehre.

All diese Sprachvarianten basieren auf der Standardsprache, die maßgeblich über den Duden geregelt wird. Dazu gehören Rechtschreibung und Grammatik. Die Standardsprache schöpft ihre Ausdrucksmittel auch aus der breiteren Alltags- oder Umgangssprache. Die Leichte Sprache hat teilweise Elemente aus dem mündlichen Sprachgebrauch aufgenommen und folgt nicht allen Regeln der Standardsprache.

Hier haben wir den Platz der Einfachen Sprache innerhalb der Sprachvarianten abgebildet:

Auf der Abbildung sehen wir die Sprachvarianten bezogen auf deren Zielgruppen. Aus diesem Zusammenhang erschließt sich der zentrale Platz der Einfachen Sprache. Sie vermittelt Informationen, die relevant, verständlich und leicht auffindbar sind. Damit erreicht sie die größte Zielgruppe: ein breites Publikum mit unterschiedlichen Kenntnissen und sprachlichen Fähigkeiten. Zugleich bietet sie auch Interessenten in den benachbarten Zielgruppen geeignete Lektüre an:
– einerseits Fachleuten, die gut aufbereitete Informationen auf anderen Wissensgebieten schätzen, und
– andererseits lernbehinderten Menschen, die mit Leichter Sprache unterfordert sind.

2. Merkmale der Einfachen Sprache gegenüber der Fachsprache und der Leichten Sprache

Wie können wir Texte in Fachsprache, Einfacher Sprache und Leichter Sprache unterscheiden? Für die Fachsprache gibt es keine Vorschriften. Maßgeblich sind die Regeln der Standardsprache und die Ausdrucksweisen auf dem jeweiligen Fachgebiet. Die besonderen Merkmale beziehen sich daher auf Fachwörter und Wendungen. Für die Einfache und die Leichte Sprache hingegen gibt es detaillierte Vorgaben. Für die Einfache Sprache gelten die bereits erwähnten Normen DIN ISO 24495-1 und DIN 8581-1. Zur Leichten Sprache liegt der Normenentwurf DIN SPEC 33429:2023-04 vor. Aus diesen Normen kann man die Merkmale der beiden Sprachvarianten ableiten.

In der folgenden Übersicht stellen wir die hauptsächlichen Merkmale von Texten in Fachsprache, Einfacher Sprache und Leichter Sprache gegenüber.

Hauptsächliche Merkmale von Texten
in Fachsprache, Einfacher Sprache und Leichter Sprache

Dieser Vergleich der Merkmale macht deutlich, dass die Einfache Sprache besonders breit anwendbar ist. Sie kann Fachwissen allgemein verständlich machen. Wesentlich dabei ist, dass sie den Inhalt von Ausgangstexten bewahrt. Die Informationen bleiben inhaltlich relevant. Das unterscheidet sie von Leichter Sprache, die Texte sprachlich UND inhaltlich vereinfacht wiedergibt. Außerdem hat die Einfache Sprache einen kommunikativen Stil, der sich von der Leichten Sprache und auch von der Fachsprache vorteilhaft abhebt.

3. Verhältnis der Einfachen Sprache zu anderen Modellen verständlicher Sprache

Im Umfeld der Einfachen Sprache gibt es mehrere Modelle, die ebenfalls Informationen verständlich übermitteln. Wir wollen sie hier nur kurz umreißen.
Die folgenden zwei Modelle richten sich, wie die Einfache Sprache, an eine breite Leserschaft:

  • Allgemein bekannt ist das Hamburger Verständlichkeitskonzept. Es ist auf vier Textmerkmale konzentriert: Einfachheit, Gliederung/Ordnung, Kürze/Prägnanz und zusätzliche Anregungen. Diese Merkmale sind mit einzelnen Empfehlungen verbunden und ähneln den Prinzipien der Einfachen Sprache. Das Konzept ist die Basis für die Wortliga Textanalyse. Sie berücksichtigt auch die Normen der Einfachen Sprache und kann helfen, ihnen gerecht zu werden (siehe Wortliga: DIN-Norm).
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  • Ein anderer Ansatz für verständliche Sprache ist die Klartext-Initiative der Universität Hohenheim. Sie ist mit einer detaillierten Checkliste von sprachlichen Empfehlungen verknüpft. Auf diesem Konzept basiert das TextLab, die Sprachsoftware von ComLab Ulm. Diese Software analysiert Texte und misst deren Lesbarkeit mit dem Hohenheimer Index der Verständlichkeit (HIX). Sie eignet sich damit auch für die Prüfung und gezielte Anpassung von Texten für die Einfache Sprache.

Außerdem gibt es Modelle verständlicher Sprache in besonderen Bereichen:

  • Die bürgernahe Sprache soll komplexe Informationen von Behörden verständlich machen. Das ist schwierig, weil die Verwaltungssprache viele Fachausdrücke und juristisch relevante Formulierungen enthält. Die angestrebte Kommunikation muss also inhaltlich abgesichert und zugleich sprachlich vereinfacht sein. Mehrere öffentliche Verwaltungen haben bereits Handbücher dafür entwickelt. Dazu gehört das Arbeitshandbuch „Bürgernahe Verwaltungssprache“ vom Bundesverwaltungsamt (neuere Handbücher vgl. Infoportal: Amt und Recht). Die Angebote bürgernaher Sprache sind zwischen verständlicher Fachsprache und Einfacher Sprache angesiedelt.
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  • Das Bundeszentrum für politische Bildung (bpb) bietet die Reihe einfach Politik an. Die Hefte, Hörbücher und Webseiten erklären Politik in einfacher Sprache. Sie sind verständlich für alle, auch für Menschen mit Leseschwächen. Das Textniveau der Hefte und Artikel geht von einem sprachlichen Kontinuum zwischen Leichter und Einfacher Sprache aus (vgl. Interview).
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  • Auf dem Gesundheitsportal Apotheken Umschau erscheinen regelmäßig Beiträge in Einfacher Sprache. Sie sind ein fachlich geprüftes Angebot für Menschen mit eingeschränkter Sprachkompetenz, aber auch für andere Interessierte. Das verantwortliche Team des Wort & Bild Verlags arbeitet dazu mit der Forschungsstelle Leichte Sprache der Universität Hildesheim zusammen. Die Forschungsstelle hat das Konzept Leichte Sprache Plus entwickelt, das an Einfache Sprache heranreicht (vgl. Studie).

Wir haben diese Modelle im folgenden Überblick zusammengefasst:

All diese Modelle verständlicher Sprache haben etwas gemeinsam: Sie sind mit praktischer Anwendung verknüpft. Bei den allgemeinen Konzepten verständlicher Sprache sind das Analyse-Tools; bei den Sprachformen für die Praxisbereiche (Verwaltung, Politik, Gesundheit) sind es Handbücher und Themenportale. Sie alle sind mit spezifischen Zielgruppen verbunden. Damit sind diese Modelle praktisch etabliert. Hingegen ist die Einfache Sprache allein durch die Normen definiert. Es ist offen, wie sich diese Sprachlandschaft weiterentwickelt und wieweit sich Einfache Sprache kraft der Normen durchsetzen kann. Die Einfache Sprache braucht dafür sowohl staatliche Regelungen als auch das Engagement von Sprachprofis in den deutschsprachigen Ländern.

Sabine Manning

PS: Für Anregungen zu diesem Beitrag danken wir Bettina Mikhail und Uwe Roth vom Infoportal Einfache Sprache sowie Gidon Wagner von Wortliga.

*) Die Normen für Einfache Sprache:

  • die internationale ISO-Norm in der englischen Fassung: Plain Language – Part 1: Governing principles and guidelines. INTERNATIONAL STANDARD. First Edition 2023-06 (veröffentlicht im Juni 2023: ISO 24495-1)
  • die internationale ISO-Norm in deutscher Fassung: Einfache Sprache – Teil 1: Grundsätze und Leitlinien (veröffentlicht im März 2024: DIN ISO 24495-1:2024-03)
  • die deutsche DIN-Norm basierend auf der ISO-Norm: Einfache Sprache – Anwendung für das Deutsche – Teil 1: Sprachspezifische Festlegungen (veröffentlicht am 26. April 2024: DIN 8581-1).
  • Normen-Handbuch 2024-10: Einfache Sprache. DIN 8581-1 und DIN ISO 24495-1, Herausgeber DIN e. V. im Oktober 2024 [Info/ Bestellung]

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Bild: Frankfurt Römer Pixabay

31.10.2024/ Letzte Fassung 11.11.2024

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