Lesen auf leichtem Level

Welchen Sinn haben Niveaustufen für Einfache und Leichte Sprache?

Texte in Einfacher oder Leichter Sprache sollen möglichst auf die Fähigkeiten ihrer Leserschaft zugeschnitten sein. Daher verweisen viele Anbieter auf die Sprachniveaustufen im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen (GER). Meist heißt es: Leichte Sprache umfasst die Stufen A1 und A2, während Einfache Sprache von A2 bis B1 reicht. Eine klare Zuordnung! Aber was bedeutet sie konkret? Worauf beziehen sich die Niveaustufen? Kann man sie für Einfache oder Leichte Sprache überhaupt anwenden?

Niveaustufen des GER

Betrachten wir zunächst die Niveaustufen des GER. Sie bieten Richtwerte für den Erwerb europäischer Sprachen. Sie messen die persönlichen Fortschritte im aktiven Sprachgebrauch, einschließlich hören, lesen, sprechen und schreiben. Für jede Niveaustufe gelten bestimmte Fähigkeiten. Hier beispielsweise die Stufe A2 (elementare Sprachverwendung):

Kann Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer Bedeutung zusammenhängen (z. B. Informationen zur Person und zur Familie, Einkaufen, Arbeit, nähere Umgebung). Kann sich in einfachen, routinemäßigen Situationen verständigen, in denen es um einen einfachen und direkten Austausch von Informationen über vertraute und geläufige Dinge geht. Kann mit einfachen Mitteln die eigene Herkunft und Ausbildung, die direkte Umgebung und Dinge im Zusammenhang mit unmittelbaren Bedürfnissen beschreiben.

Im Blickpunkt der GER-Niveaustufen stehen also die Nutzer der Sprache. Das Ziel ist eine möglichst hohe sprachliche Fähigkeit. Beurteilt wird, wieweit die Nutzer die Standardsprache verstehen und sich in ihr verständigen können.

Bei Einfacher oder Leichter Sprache hingegen werden geeignete Texte für Menschen mit eingeschränkten sprachlichen Fähigkeiten angeboten. Je nach Zielgruppe haben die Texte unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Maßgeblich hierfür sind sprachliche Regeln oder Richtlinien, die zugleich Bedürfnisse der Zielgruppe berücksichtigen.

Im Blickpunkt steht also die Sprache bezogen auf die Nutzer. Das Ziel ist eine möglichst leicht verständliche Sprache. Beurteilt wird, wie verständlich die Texte für die Zielgruppe sind.

Unten sind noch einmal die Herangehensweisen bei den GER-Niveaustufen und bei Einfacher/Leichter Sprache gegenübergestellt. Beide vermitteln zwar zwischen Sprache und Nutzer, doch in Ausgangspunkt und Ziel stimmen sie nicht überein. Zudem ist Einfache/Leichte Sprache hauptsächlich für Texte in der Muttersprache gedacht, während die GER-Niveaustufen auf Kenntnisse in Fremdsprachen gerichtet sind (vgl. dazu Andreas Baumert, 2018, S. viii )

Dennoch gibt es Bezüge zwischen GER-Niveaustufen und Einfacher/Leichter Sprache. Am engsten sind sie wahrscheinlich bei der Lesefähigkeit. Aufschlussreich hierfür ist das Prüfungshandbuch zum Deutschtest für Zugewanderte (DTZ). Dieses Handbuch beruht auf den Vorgaben des GER und beschreibt die Lernziele für verschiedene Handlungsfelder, allerdings gemeinsam für die Stufen A1 bis B1. Sehen wir uns dazu auszugsweise die Lesefähigkeiten im Handlungsfeld Arbeitssuche an (S. 35):

Kann sich, auch im Internet, über Beratungseinrichtungen informieren, z. B. über die Bezeichnung einer Einrichtung, Öffnungszeiten, Adresse.
Kann, auch im Internet, wichtige Informationen und Tipps zum Thema Arbeitssuche verstehen, z. B. zur Stellensuche, Form der Bewerbung.
Kann Ankündigungen zu Informationsveranstaltungen, z. B. in Broschüren, im Internet oder auf Aushängen, wichtige Informationen entnehmen, z. B. Thema der Veranstaltung, Ort, Datum und Zeit.
Kann ein einfaches Antwortschreiben auf eine Bewerbung verstehen, z. B. Einladung zum Vorstellungsgespräch, Absageschreiben.

Es geht also darum, Texte zu verstehen, um daraus Informationen zu entnehmen. Allerdings steht in den Vorgaben für DTZ-Kurse (einschließlich Rahmencurriculum des Goethe-Instituts) nichts über die erforderlichen sprachlichen Grundkenntnisse. Zwar sind auch in diesen Kursen die Schwierigkeitsgrade im Spracherwerb zu beachten. Beispielsweise werden Genitiv und Konjunktiv (Tabu für Leichte Sprache!) in Deutsch-Lehrwerken erst auf den Niveaustufen A2/B1 (vergleichbar mit Einfacher Sprache) behandelt (siehe Wort-Marie). Doch entscheidend für die Kursinhalte ist die Ausrichtung auf die handlungsorientierten Fähigkeiten, die im GER vorgegeben sind.

Niveaustufen für Einfache/Leichte Sprache

Wie lassen sich nun die GER-Niveaustufen auf Einfache/Leichte Sprache anwenden?

Eng verknüpft sind die Eigenschaften von Texten und die Fähigkeiten von Lesern beim Qualitätsstandard von capito. Beispielsweise wird das Gütesiegel für Leicht Lesen Stufe A2 so beschrieben:

Informationen in A2 ermöglichen es den Leserinnen und Lesern, sich mit einem bestimmten Thema so zu beschäftigen, dass die wesentlichen Inhalte verstanden werden. Zum Beispiel: Einen Bescheid oder eine Anweisung lesen, verstehen und danach handeln können.

Um diese Qualität zu erreichen, müssen Texte zahlreiche Kriterien erfüllen. Dazu gehören Richtwerte für die Verständlichkeit, zum Beispiel die Satzlänge (maximal 10-12 Wörter für die Stufe A2). Insofern entspricht das Herangehen von capito dem Ziel der Einfachen/Leichten Sprache: Texte leicht verständlich zu machen.

Interessant wäre es jedoch zu wissen, welche Kriterien über das Textverständnis hinaus zum eigenständigen Umgang mit einem bestimmten Thema befähigen: Sind das Kriterien der sprachlichen Gestaltung oder eher der inhaltlichen Aufbereitung? Wie diese beiden Kriterien zusammen wirken, zeigt das Kurzprogramm der SPD zur Europawahl 2019 (PDF), das capito in Einfache Sprache auf Stufe LL B1 übertragen hat. Hierzu ein paar Anmerkungen:

Der Text konzentriert sich auf kurze konkrete Aussagen, mit zusätzlichen Hinweisen und Erläuterungen zur Wahl am Rand; Überschriften und Textabschnitte sind ansprechend formuliert: mittels Fragen, Antworten und Aufforderungen, die zur eigenständigen Auseinandersetzung mit dem Wahlprogramm anregen. Ausgeprägt ist der persönliche Bezug zu den Lesern: sie werden ermuntert, sich mit den Anliegen im Programm zu identifizieren, unter anderem durch die Wörter „wir“/ „wir Menschen“/“uns“. Das ‚Wir‘ betrifft im Kurzprogramm nur die Leser, während es im offiziellen Wahlprogramm allein für die SPD steht.

Andere Anbieter der Einfachen/Leichten Sprache beziehen die Niveaustufen des GER vor allem auf die Lesefähigkeit und das Textverständnis von Zielgruppen. Dabei berücksichtigen sie aber auch den angestrebten selbstständigen Umgang mit Sprache. Genaueres dazu finden wir beim Spaß am Lesen Verlag und bei Uwe Roth.

Im Bücherkatalog vom Spaß am Lesen Verlag heißt es: „Unsere Einstufung in Sprach-Leseniveaus folgt dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen.“ Bei Stufe A2 steht im Katalog:

Grundlegende Kenntnisse: Die Leserin oder der Leser kann Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer Bedeutung zusammenhängen. Sie/er kann mit einfachen Mitteln die eigene Herkunft und Ausbildung, die direkte Umgebung und Dinge im Zusammenhang mit unmittelbaren Bedürfnissen beschreiben.

Uwe Roth erläutert auf seiner Internetseite leichtgesagt.eu: „Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) gibt mir beim Schreiben eine gute Orientierung. Für mich fängt Einfache Sprache bei A2 an, hat seinen Schwerpunkt aber bei B1.“ Die Niveaustufen beschreibt er als „Schwierigkeitsgrade beim Textverständnis“ aus der Sicht der Leser, zum Beispiel Stufe A2:

Ich kann ganz kurze, einfache Texte lesen. Ich kann in einfachen Alltagstexten (z.B. Anzeigen, Prospekten, Speisekarten oder Fahrplänen) konkrete, vorhersehbare Informationen auffinden, und ich kann kurze, einfache persönliche Briefe verstehen.

In beiden Beschreibungen der Stufe A2 sind Eigenschaften der Sprache (z.B. kurze Sätze) mit der Anwendung in unmittelbaren Lebensbereichen verknüpft. Insofern fügen sich die angestrebten Lesefähigkeiten in das Gesamtkonzept aktiver Sprachverwendung des GER ein.

Allerdings: Für welche Zielgruppen von Einfacher/Leichter Sprache ist dieses GER-Konzept sinnvoll?

  • Am ehesten wohl für Menschen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch,
  • wahrscheinlich auch für Menschen mit geringer Bildung und Lernschwierigkeiten,
  • weniger hingegen für Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwäche (aber mündlicher Sprachkompetenz!) und
  • wohl kaum für Menschen mit körperlich bedingten Lesebehinderungen (aber normaler Bildung!).

Fazit

Die Niveaustufen bei Einfacher/Leichter Sprache beziehen sich vor allem auf die Lesefähigkeit, berücksichtigen aber auch den selbstständigen Umgang mit den Inhalten der Texte. Die GER-Niveaustufen sind umfassender, da sie das Lesen, Hören, Sprechen und Schreiben einschließen. Andererseits sind die GER-Stufen spezieller, da sie sich auf den Erwerb einer zusätzlichen europäischen Sprache richten. Dennoch können die Niveaustufen auch bei Einfacher/Leichter Sprache dazu beitragen, die eigenständigen sprachlichen Fähigkeiten der Leser zu berücksichtigen und zu fördern. Wichtig aber ist, dass Anbieter Einfacher/Leichter Sprache die angewandten Niveaustufen nicht nur nennen, sondern – wie in den obigen Beispielen –  genau beschreiben. Denn was können sich normale Leser unter A1, A2 oder B1 vorstellen?

Sabine Manning

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