Die Lousbergsage

Oder: Wie ich durch Zufall vor sechs Jahren zur Leichten Sprache kam

Aachen, eine Stadt ganz im Westen von Deutschland, ist eine sehr alte Stadt. Viele Sagen und Legenden ranken sich um die Entstehung und das Leben in dieser Stadt. Man kann sagen, dass ohne die Hilfe des Teufels, vieles nicht möglich gewesen wäre…

Bei uns ist es üblich, dass die Kinder im letzten Kindergartenjahr und im letzten Jahr der Grundschule etwas über die Geschichte Aachens und die hiesigen Sagen lernen. Sie hören die alten Geschichten, besichtigen die entsprechenden Gebäude, malen und gestalten Dinge zum Thema. So auch meine Tochter. Sie war im Kindergarten ganz begeistert von diesem Thema. Ich habe mich darüber sehr gefreut, da auch mir die Heimatgeschichte wichtig ist. Deshalb habe ich sie darin unterstützt mehr zu erfahren und habe ihr weitere Geschichten erzählt und vorgelesen.

Doch dann merkte ich, dass mein zwei Jahre älterer Sohn, der das Down-Syndrom hat, von all dem nichts versteht. Er war anfangs sehr interessiert, da er Bücher liebt, aber den Inhalt der Texte konnte er nicht erfassen. Das machte mich nachdenklich und spornte mich an, herauszufinden, warum er solche Probleme hatte. Dabei fand ich zwei Dinge heraus: Zum einen waren die Inhalte schwer verständlich und zum anderen war der Schreibstil, d.h. das Sprachniveau, zu schwierig.

Ich begann ihm die Sagen zu erzählen, statt sie vorzulesen, da ich dann einfachere Wörter wählen konnte. Aber das stellte sich als ganz schön schwierig heraus! Immer, wenn ich ein Wort vereinfacht hatte, kam das nächste schwierige Wort oder mir geriet der ganze Text durcheinander und er war noch verwirrender als der Originaltext.

Um Klarheit in meine Texte zu bringen – und weil ich Spaß an der Sache bekam – habe ich die wichtigsten Sagen, die es in und über Aachen gibt, aufgeschrieben. Dabei fand ich automatisch weitere Regeln der Leichten Sprache heraus: Z.B. Verwendung kurzer Sätze und das Einhalten der zeitlichen und logischen Reihenfolge bei der Erzählung. Mir wurde beim Schreiben auch klar, warum der Inhalt so schwer zu erfassen war: Die Besonderheit von Sagen ist, dass die Dinge so nicht passiert sein können, dass es aber Bezüge zur Gegenwart gibt. In der Lousbergsage schüttet der Teufel (Gibt es den überhaupt?) Säcke mit Sand aus, so dass Berge entstehen (Was müssen das für Säcke gewesen sein!). Doch die Berge gibt es ja tatsächlich. Ich lernte, dass mein Sohn die Dinge so erfasst, wie sie geschrieben stehen. Er abstrahiert nicht automatisch, d.h. ich musste das für ihn in Form von Erklärungen tun. So habe z.B. einmal allgemein erklärt, was eine Sage ist und bin im weiteren Verlauf davon ausgegangen, dass dies als Erklärung für alle Text ausreicht.

Meinen Kindern und Bekannten haben die Texte gut gefallen und ich fand es schade, dass sie der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Aber ich war auch nicht sicher, ob sich überhaupt jemand dafür interessiert. Über eine örtliche Arbeitsgemeinschaft habe ich die Leiterin des Atelier „Kunstvoll“, einem niedrigschwelligen Angebot für Menschen mit psychischer Erkrankung der Alexianer Aachen GmbH, kennengelernt und wir haben zusammen ein Projekt gestartet. Am Ende gab es zu jeder Sage ein Kunstwerk, das wir fotografiert haben. Text und Fotos ergeben zusammen einen kleinen Band über „Sagen aus Aachen in leichter Sprache“. Damals haben wir entschieden, dass es ein kostengünstiges Heft für eine kleine Zielgruppe sein soll. Deshalb ist es kein Buch und wird nur über das Atelier „Kunstvoll“ oder mich verkauft.*) Inzwischen, nach über 300 verkauften Exemplaren, denke ich, dass wir den Zeitgeist getroffen haben. Das haben wir damals aber nicht geahnt, denn „Leichte Sprache“ war noch nahezu unbekannt. Mir zumindest, deshalb steht im Titel auch „leichte Sprache“. Mir ging es um eine vereinfachte Form von Sprache, die man heute als „Einfache Sprache“ bezeichnen würde. Hier finden Sie eine der Sagen als Leseprobe: Die Lousbergsage – in leichter (Einfacher) Sprache [Lousbersage-ES].

Inzwischen ist das Thema Leichte Sprache mein berufliches Betätigungsgebiet und um den Unterschied zur Leichten Sprache, insbesondere für Auftraggeber zu verdeutlichen, habe ich vor zwei Jahren die Lousbergsage auch noch in „Leichte Sprache“ umgeschrieben [Lousbergsage-LS].

Wer weiß, vielleicht wird daraus mal ein Buch: „Sagen aus Aachen, 6 alte Geschichten über Aachen. In Leichter Sprache“.

Gastbeitrag von Karin Schütt (AnWert e.V., Aachen)

*) Wer Interesse hat kann das Heft per E-Mail hier bestellen: info@anwert-ac.de (Preis: 7,50 €  inkl. Versand).

Bildquellen: Karin Schütt

PS:
Das Hurraki Tagebuch hat auf den Beitrag von Karin Schütt aufmerksam gemacht – vielen Dank:
Die Lous·berg·sage in Leichter Sprache (6.5.2017)

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2 Gedanken zu “Die Lousbergsage

  1. Auf der Facebook-Seite von Multisprech (http://www.facebook.com/multisprech/) gab es einen ersten Gedankenaustausch zum obigen Beitrag von Karin Schütt (2./3.04.2017) – vielleicht regt er zu weiteren Kommentaren an?

    Wort-Marie:
    Ich finde den ursprünglichen Zugang von Karin Schütt zur Einfachen und Leichten Sprache sehr interessant. Aus ihrer persönlichen Situation heraus hat sie begonnen, sich mit verständlichen Sprachformen zu beschäftigen. Das erinnert mich auch an die Ursprünge der Leichten Sprache, die in der Selbstvertretungsbewegung in den USA zu finden sind. Immer geht es um den Themenkreis Verstehen – sich oder etwas verständlich machen – verstanden werden. Die Folge davon sind Teilhabe, Mitmachen, Dabeisein. Ob es um ein Sagenbuch geht oder um ein Wahlprogramm.
    Leichte Sprache kommt also aus der Praxis; wenn man so will, von der Basis. Dort hat sie sich vielfach bewährt. Gleichzeitig ist ihre zunehmende Professionalisierung zu begrüßen, weil dadurch Qualität sichergestellt wird.
    Danke für diesen lesenswerten Einblick in eine persönliche Geschichte mit Leichter Sprache!

    Karin Schütt:
    Danke für den ausführlichen Kommentar! Mir ist erst während des Schreibens klar geworden, dass mein Zugang zum Thema Leichte Sprache tatsächlich „aus der Praxis für die Praxis“ ist. 🙂

    Multisprech:
    Vielen Dank für diese anregenden Überlegungen! Mich interessiert auch der ursprüngliche Prozess, aus dem Leichte Sprache erwächst: das Bemühen um gemeinsames Verstehen, um ’sich oder etwas verständlich zu machen‘.
    Dabei hilft Leichte Sprache vor allem, lernbehinderte Menschen zu erreichen – damit sie uns besser verstehen. Wie aber können sich lernbehinderte Menschen untereinander und anderen gegenüber besser verständlich machen? Hilft ihnen dabei auch Leichte Sprache, vielleicht indem sie manches intuitiv erwerben? Oder bedienen sie sich ganz anderer Mittel?

    Gefällt mir

  2. Pingback: Die Lousberg·sage in Leichter Sprache | Hurraki Tagebuch

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