Einfache Sprache neu denken: Prüfen auf Verständlichkeit

Vorwort zur Reihe „Einfache Sprache neu denken“

Die neuen DIN-Normen*) regen uns an, Einfache Sprache neu zu denken (vgl. Einfache Sprache ist jetzt geregelt). Maßgeblich sind die internationalen Grundsätze und Leitlinien und die sprachspezifischen Festlegungen für das Deutsche (jetzt zusammen als Handbuch erhältlich). Die Einfache Sprache macht Texte für ein allgemeines Lesepublikum verständlich. Die Normen tragen dazu bei, einen Standard der verständlichen Sprache zu entwickeln.
Wir haben bereits die Anstöße der DIN-Normen für die Einfache Sprache umrissen: in unserem ersten Blogbeitrag und dem nachfolgenden Gedankenaustausch von Sprachprofis. Im zweiten Blogbeitrag haben wir genauer erkundet, welche Rolle die Einfache Sprache im sprachlichen Umfeld spielt. Im vorliegenden Beitrag wollen wir herausfinden, wie man die Einfache Sprache auf Verständlichkeit prüfen kann.

Einfache Sprache neu denken: Prüfen auf Verständlichkeit

Wie können wir ermitteln, ob ein Text in Einfacher Sprache geschrieben ist? Wie können wir seine sprachliche Qualität beurteilen? Maßgeblich dafür sind mehrere Kriterien: Die Informationen in Einfacher Sprache sollen leicht auffindbar, relevant, verständlich und insgesamt nützlich sein (vgl. Beitrag 1). Entscheidend unter diesen Kriterien ist die Verständlichkeit: Nur was ein Mensch begreift, kann er sinnvoll nutzen.

Verständlichkeit hängt von Satzstruktur, Wortwahl, Textaufbau und Vorwissen der Leserschaft ab. Man kann mehrere Methoden anwenden, um Texte auf Verständlichkeit zu prüfen. Einige Methoden richten sich auf die Lesbarkeit von Texten, andere ermitteln das Niveau der Sprache. Diese Prüfmethoden können jedoch nur Hinweise liefern. Sie reichen nicht aus, um die Verständlichkeit umfassend zu bewerten. Entscheidend dafür ist der Kontext, etwa die Zielgruppe und die Textfunktion (vgl. hierzu Artikel von Benedikt Lutz 2017).

Wir wollen die bekanntesten Prüfmodelle ausprobieren und ermitteln, wieweit sie für die Einfache Sprache einsetzbar sind. Für die Tests nutzen wir eine Auswahl an Texten, die als gute Beispiele für Einfache Sprache gelten. Maßgeblich für die Beispiele sind die Kriterien, die auf der Portalseite ABC der Einfachen Sprache zu finden sind. Die Texte beziehen sich auf mehrere Themen und Formate: Nachrichten, Politik, Verwaltung, Gesundheit, Bildung und Wissen. Sie kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Hier sind 10 ausgewählte Beispiele. Vorangestellt ist jeweils das Kürzel, das wir in der folgenden Untersuchung verwenden.

Auswahl guter Beispiele für Einfache Sprache

Mit dieser Untersuchung möchten wir zweierlei herausfinden:

  1. Wie kann man die Verständlichkeit der Einfachen Sprache messen?
    1.1 Lesbarkeit von Texten prüfen
    1.2 Niveau der Sprache prüfen
  2. Wie ist die Verständlichkeit innerhalb der Einfachen Sprache abgestuft?

Im FAZIT sind die wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchung zusammengefasst.
Abschließend stellen wir die Testergebnisse als praktische Hilfe vor.

1. Wie kann man die Verständlichkeit der Einfachen Sprache messen?

Wir wollen uns zuerst den Methoden zuwenden, die die Lesbarkeit messen. Sie konzentrieren sich auf die Struktur von Texten. Danach betrachten wir die Methoden, die das Niveau von Texten ermitteln. Maßgeblich hierfür sind die Sprachstruktur und die Gebräuchlichkeit von Wörtern. Schließlich interessiert uns, wieweit beide Methoden kombiniert werden, um die Verständlichkeit von Texten zu bewerten.

1.1 Lesbarkeit von Texten prüfen

Es gibt zwei bekannte Modelle, die die Lesbarkeit von Texten messen: den Lesbarkeitsindex LIX und den Flesch-Index (Flesch Reading Ease). Diese Modelle errechnen die Lesbarkeit aus der durchschnittlichen Anzahl von Wörtern pro Satz und der Wortlänge. Sie sind leicht anwendbar und kostenlos zugänglich.

# Der LIX berücksichtigt die Anzahl der Wörter pro Satz und der Buchstaben pro Wort. Mithilfe einer Formel gibt er die Lesbarkeit eines Textes zwischen 0 und 100 an. Je niedriger der Wert, desto leichter ist der Text lesbar. Außerdem zeigt der LIX die statistischen Werte an, z.B. die durchschnittliche Anzahl der Wörter pro Satz. Diese Ergebnisse helfen, die Lesbarkeit eines Textes allgemein zu bewerten. Weniger nützlich ist für uns die Einteilung der Skala nach verschiedenen Textarten:

  • unter 40: Kinder- und Jugendliteratur
  • 40 bis 50: Belletristik
  • 50 bis 60: Sachliteratur
  • über 60: Fachliteratur

Zwar ähnelt die Textart „Sachliteratur“ unserem Begriff „Sachtext“ für die Einfache Sprache (vgl. Beitrag 1). Doch in der LIX-Skala sind damit gewöhnliche Sachtexte gemeint.

# Der Flesch-Index misst die Anzahl der Wörter pro Satz und die Anzahl der Silben pro Wort. Man kann den Flesch-Wert eines Textes mit einer speziellen Formel für die deutsche Sprache berechnen. Auf einer Skala von 0 bis 100 gilt: Je höher der Wert, desto leichter lesbar ist der Text. Im Beitrag der Wikipedia ist die Skala in Stufen der Lesbarkeit unterteilt:

WertLesbarkeit
0 – 30,0Sehr schwer
30,0 – 50,0Schwer
50,0 – 60,0Mittelschwer
60,0 – 70,0Mittel
70,0 – 80,0Mittelleicht
80,0 – 90,0Leicht
90,0 – 100Sehr leicht

Diese Einstufung ist gut geeignet, um Texte aller Art auf Verständlichkeit zu prüfen. Insofern ist der Flesh-Index für unsere Zwecke besser verwendbar als der LIX. Allerdings sind die zugrunde liegenden Kriterien der Lesbarkeit ähnlich begrenzt wie beim LIX.

Interessant für uns ist die Einteilung des Flesch-Index in den USA (Flesch–Kincaid readability tests). Hier wird der Index auf die Bildungsstufen von Altersgruppen und auf das Niveau von Texten bezogen. In dieser Einteilung ist Plain Language – also Einfache Sprache – enthalten. Texte dieser Stufe können 13- bis 15-Jährige in der 8. bis 9. Schulklasse leicht verstehen.

Flesch 60,0 – 70,0 > 8th & 9th grade > Plain English.
Easily understood by 13- to 15-year-old students.

Die beiden Indexmodelle sind auch in Programmen der Textanalyse enthalten: der LIX im TextLab und der Flesch-Index in Wortliga. Beide Programme haben die Textprüfung weiterentwickelt.

# Das TextLab nutzt den Hohenheimer Verständlichkeitsindex (HIX). Dieser Index verwendet den LIX und andere Formeln und bezieht weitere Textindikatoren in die Berechnung ein. Er berücksichtigt die Länge von Wörtern, Sätzen und Satzteilen. Er misst die Verständlichkeit von Texten auf der Skala von 0 bis 20. Je höher der erreichte Wert, desto leichter verständlich ist der Text. Die Skala kennzeichnet den Bereich von 10 bis 20 als verständlich. Dieser Bereich ist mit Zielwerten (Benchmarks) für Textarten unterteilt, die auf Verständlichkeit optimiert sind:

  • ab 12: Fachtexte
  • ab 14: Briefe
  • ab 16: Webtexte
  • ab 18: Leichte Sprache

Das Menü des TextLab weist die sprachlichen Merkmale für den HIX gesondert aus und zeigt zu jedem analysierten Text die entsprechenden Werte an. Das beigefügte Handbuch informiert außerdem über die Schwellenwerte für die einzelnen Textsorten. Für Webtexte (Zielwert 16) sind zum Beispiel zwei Teilsätze (also der Hauptsatz und 1 Nebensatz), 18 Wörter pro Satz und 16 Buchstaben pro Wort anzustreben.

# Das Programm Wortliga hat den Flesch-Index übernommen (vgl. Glossar) und zu einem Verständlichkeitsindex weiterentwickelt. Der Index von Wortliga berücksichtigt zusätzlich Merkmale, die für das Textverständnis kritisch sind: die Anzahl langer Sätze sowie Nominalkonstruktionen und Passivformulierungen.

Der Index von Wortliga ist mit dem Hinweis versehen, dass Texte ab Wert 60 verständlich sind. Diese Marke entspricht der Flesch-Stufe „Mittel“ zwischen schweren und leichten Texten. Wortliga verwendet jedoch nicht die Flesch-Stufen, sondern eine einfache Dreiteilung der Skala in schwer (0-33), mittel (34-66) und leicht (67-100). Insofern bietet der Index von Wortliga keine Anhaltspunkte für die Verständlichkeitsprüfung einzelner Textsorten oder Sprachtypen.

FAZIT: Alle untersuchten Indexmodelle reichen von leicht bis schwer lesbar oder verständlich. Sie sind jedoch nach unterschiedlichen Kriterien eingeteilt. Vor allem bezieht keines der Modelle die Einfache Sprache ein. Wie können wir also die Indexmodelle nutzen, um Texte auf Einfache Sprache zu prüfen? Wie können wir den Bereich einer Indexskala ermitteln, der für die Einfache Sprache passend ist?

Wir wählen dazu einen praktischen Weg: Wir testen die Index-Modelle mit den 10 Beispieltexten für Einfache Sprache (siehe Auswahl oben). Auf jeder Skala tragen wir den niedrigsten und den höchsten Indexwert der 10 Texte ein. Daraus ergibt sich auf jeder Skala ein Bereich der Einfachen Sprache. Die folgende Übersicht zeigt die ermittelten Bereiche an:

Wie man sieht, sind die Bereiche der Einfachen Sprache bei drei Modellen (LIX, Flesch und Wortliga) ähnlich positioniert. Sie zeigen etwa eine mittlere Lesbarkeit an. Beim TextLab hingegen erstreckt sich der Bereich der Einfachen Sprache von mittlerer bis zu hoher Lesbarkeit. Diese Ergebnisse lassen sich kaum verallgemeinern. Vielmehr sollten wir den ermittelten Bereich für jedes Modell nutzen, um die erstrebte Lesbarkeit von Texten gezielt zu prüfen. Dazu können wir noch genauer herausfinden, wo der Zielwert innerhalb eines Bereiches liegt. Das testen wir weiter unten im Teil 2.

1.2 Niveau der Sprache

Für verständliche Texte braucht man nicht nur eine einfache Textstruktur. Wichtig sind auch klare Aussagen und möglichst bekannte Wörter. Mehrere Prüfprogramme ermitteln daher das Sprachniveau von Texten. Sie beziehen sich auf Kriterien des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GER). Dieser Rahmen betrifft zwar hauptsächlich die Fähigkeiten beim Erlernen von Fremdsprachen. Doch er berücksichtigt auch die Qualität von Texten, die den Fähigkeiten der Lernenden angemessen ist. Aufschlussreich hierfür sind die GER-Niveaustufen des Lese- und Hörverstehens.

Die GER-Stufen sind nur mit Einschränkungen für die Textprüfung anwendbar. Dennoch werden sie gern benutzt, um die Verständlichkeit von Texten zu kennzeichnen. Die spannende Frage dabei ist: Wie werden die Niveaustufen in den Sprachprogrammen definiert, und wie werden sie ermittelt? Die Antwort fällt bei den untersuchten Programmen sehr unterschiedlich aus:

# Der Sprachdienstleister Supertext zeigt GER-Niveaustufen auf der Skala seines öffentlichen LIX-Rechners an. Dieses Modell bezieht also die Lesbarkeitswerte direkt auf einzelne Niveaustufen:
– Selbstständige Sprachanwendung: B1 und B2
– Kompetente Sprachanwendung: C1 und C2
Damit erhält die LIX-Skala (von 100 bis 0) eine praktikable Einteilung:

  • ab 60: Sprachniveau C2
  • ab 50: Sprachniveau C1
  • ab 40: Sprachniveau B2
  • ab 20: Sprachniveau B1

Zu dieser GER-Skala erläutert Supertext in seinem Blog, dass Plain Language dem Sprachniveau B1 entspricht. Damit ist auch die Einfache Sprache im Supertext-LIX-Rechner zugeordnet.

# Das TextLab gibt zusätzlich zum HIX-Wert das Sprachniveau eines Textes an. Laut Handbuch berücksichtigt die jeweilige Niveaustufe den HIX sowie den Wortschatz des Textes. Insofern macht ein guter HIX ein gutes Sprachniveau wahrscheinlich, aber es kann auch Abweichungen geben.

# Wortliga geht von der GER-Definition der Sprachstufen aus (vgl. Glossar) und passt die Stufen den Kategorien der Sprachanalyse an. Im Menü von Wortliga sind die Stufen wie folgt gekennzeichnet:

A1 Einfache Sätze
A2 Kurze Alltagstexte
B1 Sprache aus Alltag und Beruf
B2 Sachtexte und Standpunkte
C1 Komplexe und literarische Texte
C2 Anspruchsvolle und abstrakte Texte

Wortliga ermittelt das Sprachniveau der Texte hauptsächlich aus der Textstruktur, bezieht aber auch Stil und Grammatik und den Anteil gebräuchlicher Wörter ein. Die Bezeichnung der Niveaustufen B1 und B2 bei Wortliga entspricht wesentlichen Funktionen der Einfachen Sprache.

FAZIT: Jedes der Sprachprogramme greift die Niveaustufen des GER auf, aber definiert und berechnet sie eigenständig. Unsere Frage ist daher, wieweit die Stufen hinsichtlich der Einfachen Sprache übereinstimmen. Wir haben dazu die Niveaustufen der drei Programme mit den Beispieltexten getestet. In der folgenden Übersicht sind die Niveaustufen markiert, die das jeweilige Programm für die Texte insgesamt anzeigt:

Wie man sieht, sind bei allen Programmen die Stufen B1 und B2 markiert. Nur bei TextLab sind weitere Stufen angezeigt. Das heißt, die Beispieltexte der Einfachen Sprache werden hauptsächlich als B1 und B2 eingestuft. Diese Ergebnisse decken sich mit unserer bisherigen Einschätzung der Niveaustufen.

Auf der Grundlage des GER hat Uwe Roth in einem früheren Blogbeitrag die Schwierigkeitsgrade des Textverständnisses zusammengestellt. Aus seiner Erfahrung fängt die Einfache Sprache bei A2 an: mit ganz einfachen Alltagstexten. Sie hat aber ihren Schwerpunkt bei B1: mit Texten in gebräuchlicher Alltags- und Berufssprache. Je nach Textart und Zielgruppe kann die Einfache Sprache auch bis B2 reichen.

Wir schließen unsere Übersicht mit dem besonderen Analyseprogramm capito.ai ab. In diesem Programm hat das Sprachniveau, ausgehend vom GER, eine Schlüsselrolle. Im Menü sind alle sprachlichen Merkmale auf drei Stufen bezogen:

A1-A2: Sehr leichte Sprache
A2-B1: Leichte Sprache
B1-B2: Einfache Sprache

Hier ist die Einfache Sprache deutlich ausgewiesen. Die betreffende Sprachstufe B1-B2 entspricht laut Infobox der einfachen Umgangssprache. Sie eignet sich für die externe Kommunikation, z.B. auf Webseiten, in Broschüren und Flyern, und für die unternehmensinterne Kommunikation, z.B. Ausbildungs- und Unterrichtsmaterialien. Für den Test von Webseiten hat capito.ai noch einen gesonderten Verständlichkeits-Check herausgebracht. Er misst die Verständlichkeit und empfiehlt sprachliche Verbesserungen. Bisher ist er als kostenloser Einstieg in das Sprachanalyseprogramm nutzbar.

Für jede der drei Sprachstufen prüft capito.ai auf einem Index, wieweit die betreffenden sprachlichen Kriterien erfüllt sind. Bei der Analyse eines Textes werden somit 3 aufeinanderfolgende Indexwerte angezeigt. Dabei gilt immer die Marke 90% als Minimum für die jeweilige Sprachstufe. Wenn also ein Text dieses Minimum auf der Stufe B1-B2 überspringt, wird er als Einfache Sprache eingestuft. Das heißt, man kann bei capito.ai die Verständlichkeit eines Textes nur stufenbezogen, nicht „allgemein“ ermitteln.

Insofern konnten wir capito.ai nicht in die oben beschriebenen Tests der Prüfprogramme einbeziehen. Gleichwohl ist eine Gemeinsamkeit hervorzuheben: Auch bei capito.ai wird die Einfache Sprache den Niveaustufen B1 bis B2 zugeordnet. Überdies tragen die Indexergebnisse von capito.ai zu unserer Analyse im folgenden Kapitel bei.

2. Wie ist die Verständlichkeit innerhalb der Einfachen Sprache abgestuft?

Bisher haben wir untersucht, wieweit die Verständlichkeit von Einfacher Sprache reicht. Dazu diente uns die Spannbreite der Testergebnisse: vom geringsten zum höchsten Messwert. Wie aber sind Texte der Einfachen Sprache untereinander abgestuft? Das heißt, wie ist die Einfache Sprache „in sich“ strukturiert? Um das herauszufinden, vergleichen wir die Indexwerte der Beispieltexte untereinander.

Hier ist unser Vorgehen kurz beschrieben: Unser Ausgangspunkt sind die Indexwerte für die Verständlichkeit der 10 Beispieltexte. Dazu nutzen wir die 5 Index-Modelle: capito.ai, Flesch-Index, LIX (Supertext), TextLab und Wortliga. Bei jedem Modell markieren wir den Text mit dem höchsten Indexwert und den Text mit dem geringsten Indexwert. Dazwischen befinden sich die Texte mit mittleren Werten. Auf diese Weise können wir für jeden Text ermitteln, wie oft er in den Modellen mit dem höchsten, einem mittleren oder dem geringsten Wert eingestuft wird. Zum Beispiel hat die Apotheken Umschau (APO) dreimal einen mittleren und zweimal den höchsten Index-Wert.

Die folgende Aufstellung fasst diese Ergebnisse zusammen:

Diese Einstufung erscheint aus unserer Kenntnis der Texte plausibel. Texte mit fachlichem Anspruch (Wiki, teilweise BZdE und KStG) haben eine geringere Verständlichkeit. Hingegen erreichen Portale für Nachrichten, die leicht verständlich konzipiert sind, eine höhere Stufe.

Diese drei Stufen korrespondieren mit dem Sprachmodell, das wir im vorigen Blogbeitrag umrissen haben. Danach befindet sich die Einfache Sprache in der Mitte zwischen Fachsprache und Leichter Sprache. Dieses Modell wird durch unsere Tests der Beispieltexte bestätigt:

  • Die Stufe 1 ist nahe an der Fachsprache. Einfache Sprache kann auf dieser Stufe unter anderem Amtstexte „bürgernah“ übersetzen oder wissenschaftliche Artikel allgemein verständlich zusammenfassen.
  • Die Stufe 2 ist der Kernbereich der Einfachen Sprache. Auf dieser Stufe können beliebige Sachtexte einem breiten Publikum oder bestimmten Zielgruppen vermittelt werden.
  • Die Stufe 3 ist dicht an der Leichten Sprache, entspricht aber den Regeln der Standardsprache. Allerdings trifft das nicht auf alle Beispiele unserer Analyse zu, da einige deutlich von Leichter Sprache ausgehen (z.B. DF und ORF). Texte auf dieser Stufe können Menschen mit Leseschwierigkeiten erreichen.

Dabei machen die jetzigen Testergebnisse deutlich, dass die Übergänge – zwischen den Stufen und zu den angrenzenden Sprachtypen – fließend sind.

Die Tests ermöglichen außerdem, die mittlere Stufe (2) der Einfachen Sprache genauer zu bestimmen. Maßgeblich hierfür sind die Texte, die von allen Modellen übereinstimmend als „mittel“ eingestuft sind: SPD-Programm und Stadt Zürich: Mietzins. Die Index-Werte für diese Texte können dazu dienen, den „Zielwert“ für Einfache Sprache auf einer Index-Skala zu finden. Beim TextLab zum Beispiel haben diese beiden Texte den HIX-Wert 17. Er liegt im Index-Bereich für Webtexte (ab HIX-Wert 16).

Dieser Befund bestätigt unsere bisherigen Analysen, nach denen der Zielwert für Webtexte weitgehend den Merkmalen der Einfachen Sprache entspricht. Es wäre daher sinnvoll, beim Zielwert 16 zusätzlich die Einfache Sprache anzuzeigen. Auch der Abstand zum Zielwert für Leichte Sprache (HIX-Wert 18) wäre angemessen.

FAZIT

Was können wir aus den Tests zur Prüfung auf Verständlichkeit entnehmen?

  • Alle getesteten Modelle können Texte auf Lesbarkeit prüfen. Dabei liefern die kostenlosen Index-Modelle (LIX und Flesch-Index) ähnliche Ergebnisse wie die weiterentwickelten Modelle (HIX und Index von Wortliga). Beide Modelltypen zeigen auch wichtige Merkmale der Lesbarkeit an (z.B. durchschnittliche Länge von Wörtern und Sätzen). Die Index-Modelle innerhalb von Sprachanalyse-Programmen (capito.ai, TextLab und Wortliga) haben allerdings den Vorteil, dass sie die Bearbeitung der geprüften Texte unterstützen.
  • Die Index-Modelle geben auf ihren Skalen unterschiedliche Messbereiche an, aber keinen Bereich für die Einfache Sprache. Diesen Bereich haben wir mit unseren Tests von Beispieltexten der Einfachen Sprache für jedes Modell ermittelt. Beim TextLab entspricht dieser Bereich dem Zielwert für Webtexte. Diese Bereiche sollten mit weiteren Beispieltexten überprüft werden, die auf den Normen der Einfachen Sprachen basieren.
  • Zusätzlich bieten mehrere Modelle die Prüfung von Texten auf Niveaustufen des GER an. Sie verwenden jeweils eigene Kriterien für die Niveaustufen. Dazu gehören vor allem die Satzstruktur und die Gebräuchlichkeit von Wörtern. Mit unseren Tests haben wir hauptsächlich den Niveaubereich B1-B2 für die Einfache Sprache ermittelt. Besonders entwickelt sind die Niveaustufen bei Wortliga. Die angegebenen Textsorten für die Stufen B1 und B2 passen zur Einfachen Sprache.
  • Unsere Tests haben auch gezeigt, wie die Verständlichkeit innerhalb der Einfachen Sprache abgestuft ist. Dabei konnten wir drei Stufen ermitteln: geringere, mittlere und höhere Verständlichkeit. Sie bestätigen unser Modell, nach dem sich die Einfache Sprache in der Mitte zwischen Fachsprache und Leichter Sprache befindet. Dabei erweist sich, dass die Übergänge fließend sind.

Abschließend stellen wir die wichtigsten Testergebnisse vor. Sie sollen eine praktische Hilfe sein, um Texte der Einfachen Sprache auf Verständlichkeit zu prüfen. Dafür ist jedes der aufgeführten Modelle nützlich. Besonders aussagekräftige Ergebnisse kann man, wie angezeigt, mit den erweiterten Modellen der Sprachanalyse erzielen.

Sabine Manning

PS1: Dieser Text hat den HIX-Wert 16 (TextLab) und das Sprachniveau B1 (Wortliga).

PS2: Für Anregungen zu diesem Beitrag danken wir Bettina Mikhail und Uwe Roth vom Infoportal Einfache Sprache sowie Walburga Fröhlich von capito.ai, Gidon Wagner von Wortliga, Enrico von Walterskirchen von supertext.ch und dem Team von TextLab.

Anmerkungen

*) Die Normen für Einfache Sprache:

  • die internationale ISO-Norm in der englischen Fassung: Plain Language – Part 1: Governing principles and guidelines. INTERNATIONAL STANDARD. First Edition 2023-06 (veröffentlicht im Juni 2023: ISO 24495-1)
  • die internationale ISO-Norm in deutscher Fassung: Einfache Sprache – Teil 1: Grundsätze und Leitlinien (veröffentlicht im März 2024: DIN ISO 24495-1:2024-03)
  • die deutsche DIN-Norm basierend auf der ISO-Norm: Einfache Sprache – Anwendung für das Deutsche – Teil 1: Sprachspezifische Festlegungen (veröffentlicht am 26. April 2024: DIN 8581-1).
  • Normen-Handbuch 2024-10: Einfache Sprache. DIN 8581-1 und DIN ISO 24495-1, Herausgeber DIN e. V. im Oktober 2024 [Info/ Bestellung]

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Bild: Frankfurt Römer Pixabay

24.01.2025; 30.5.2025 u. 4.6.2025 aktualisiert

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