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Wie macht man Politik für ein breites Publikum verständlich?*)
Vorwort
Sehen wir uns die Lesefähigkeit in unserem Land an. Auskunft gibt die Leostudie der Universität Hamburg (Grotelüschen et al. 2019). Sie untersucht die Lese- und Schreibfähigkeit der Erwachsenen, die in unserem Land Deutsch sprechen. Danach haben über 6 Millionen Menschen in Deutschland geringe Lese- und Schreibkompetenzen.
Die Studie zeigt auch die Folgen: Geringe Lesefähigkeit erschwert kritisches Hinterfragen und macht Betroffene anfällig für Werbung und Falschmeldungen. Für diese Betroffenen, aber auch für viele andere Menschen sind verständliche Texte hilfreich. Besonders die Einfache Sprache kann ein breites Publikum erreichen.
Profil von einfach POLITIK
Das Angebot einfach POLITIK gehört zu den Pionieren, die Einfache Sprache vor mehr als zehn Jahren entwickelt haben. Die Beiträge sind als Teamarbeit entstanden: zwischen Wolfram Hilpert, Redakteur in der bpb, und Dr. Dorothee Meyer an der Leibniz Universität Hannover, zusammen mit dem inklusiven Seminar „Gemeinsam lernen“ (vgl. Interview 2022).
Diese Teamarbeit hat einfach POLITIK auf den Weg gebracht: als Angebot für ungeübte Leser und Leserinnen, Deutschlernende und Menschen mit sprachlichen Defiziten und Lernschwierigkeiten. Besonders erfolgreich sind Titel wie Das Grundgesetz. Die Grundrechte oder Einmischen. Mitentscheiden und das Lexikon A – Z. Die Texte enthalten möglichst einfache Formulierungen, Erklärungen für Fachbegriffe und viele Beispiele, die an der Lebenswelt der Menschen ansetzen.
Rolle der Einfachen Sprache
Ähnlich wie einfach POLITIK sind auch andere Angebote aus dieser Zeit konzipiert, z.B. nachrichtenleicht vom Deutschlandfunk. Sie alle haben Einfache Sprache als Kontinuum zwischen Leichter Sprache (für Menschen mit Lernbehinderung) und Standardsprache eingeordnet.
Bisherige Rolle der Einfachen Sprache als Kontinuum

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Inzwischen ist ein neuer Ansatz für Einfache Sprache entstanden. International hat sich Einfache Sprache (Plain Language) als öffentliches Kommunikationsmittel entfaltet. In Deutschland sind 2024 zwei Normen dazu veröffentlicht worden (vgl. Normenhandbuch Einfache Sprache 2024):
- Einfache Sprache: Grundsätze und Leitlinien (DIN ISO 24495-1)
- Einfache Sprache: Anwendung für das Deutsche (DIN 8581-1)
Die Normen für die Einfache Sprache sind deutlich getrennt von der Leichten Sprache, für die gesonderte Empfehlungen vorliegen (vgl. DIN SPEC Leichte Sprache 2023).
Infolge dieser Normen haben wir jetzt eine eigenständige Einfache Sprache. Sie wird nicht mehr als Teil eines Kontinuums betrachtet, sondern als Sprachangebot für ein breites Publikum. Sie ist eine verständliche Variante der Standardsprache und wirkt auch ganz normal wie Standardsprache (mehr dazu in: Einfache Sprache neu denken 2024).

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Die Einfache Sprache kann sehr viele Menschen erreichen, denn sie lässt sich auf verschiedene Weise ausführen:
- vor allem für ein allgemeines Publikum mit unterschiedlichen Fähigkeiten,
- aber auch in niederschwelliger Form für Menschen mit geringen Deutschkenntnissen, Leseschwächen oder Lernbehinderungen
- oder in einer anspruchsvollen Kombination mit Fachsprachen, z.B. als bürgernahe Verwaltungssprache.
Unterschiede zwischen Einfacher und Leichter Sprache
Einfache Sprache hebt sich laut Normen deutlich von Leichter Sprache ab. Die Unterschiede können wir beim Vergleich von Texten erkennen: am Inhalt, Satzbau, Wortschatz, Textfluss und Ton der Sprache.
Inhalt: Die Einfache Sprache bewahrt den Inhalt eines Ausgangstextes. Sie spiegelt ihn in allen wichtigen Informationen wider, ist also inhaltsgetreu. Die Leichte Sprache hingegen kann Inhalte im Interesse des Verständnisses vereinfachen.
Satzbau: Die Einfache Sprache hat zusammenhängende Satzteile und Textabschnitte. Die Leichte Sprache verwendet weniger sprachliche Verknüpfungen, zum Beispiel keine Pronomen (Fürwörter) in der dritten Person, wenige Konjunktionen (Bindewörter) und kaum Nebensätze. Typisch sind eigenständige, kurze Hauptsätze.
Textfluss: Die Einfache Sprache liest sich fließend wie Standardsprache, wird auch als Fließtext geschrieben. Leichte Sprache bewegt sich eher von Satz zu Satz. Das wird auch im Schriftbild deutlich: Jeder Satz beginnt auf einer neuen Zeile. Dieses schrittweise Vorangehen kann den Text besonders für Menschen mit Lernbehinderung verständlicher machen.
Wortschatz: Die Einfache Sprache nutzt weitgehend den Wortschatz der Standardsprache. Allerdings sollen Fachbegriffe und andere schwierige Wörter ersetzt oder erläutert werden. Die Leichte Sprache hingegen verwendet vorzugsweise einen begrenzten, leicht verständlichen Wortschatz. Wichtige Fachwörter sollen möglichst mit lebensnahen Beispielen erklärt werden.
Ton: Die Einfache Sprache ist besonders auf Sachtexte ausgerichtet. Sie soll die Leserschaft nüchtern, direkt und klar informieren. Die Leichte Sprache wendet sich stärker den Leserinnen und Lesern zu. Sie berücksichtigt persönliche Bedürfnisse und Erfahrungen und unterstützt das praktische Verständnis des Textes.
Die wichtigsten Unterschiede sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst:

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Texte in einfach POLITIK
Die bisherigen Texte von einfach POLITIK enthalten Elemente sowohl der Einfachen als auch der Leichten Sprache – im Sinne des Kontinuums. Das können wir am Satzbau (1), an der Textgestaltung (2) und an den Formulierungen (3) erkennen.
(1) Die Texte sind in ihrer Satzstruktur der EINFACHEN Sprache nahe.
Wir haben die Satzstruktur von drei typischen Texten**) in einfach POLITIK analysiert:
- Wie lang sind die Sätze? (Wörter pro Satz)
- Wie komplex sind die Sätze? (Nebensätze pro 100 Sätze)
Zum Vergleich haben wir Mustertexte aus der Einfachen und der Leichten Sprache herangezogen (zu den Mustertexten vgl. den Beitrag Was ist „leicht verständlich“?).

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Im Vergleich der Satzstruktur sind die Texte von einfach POLITIK sehr nahe an den Mustertexten der Einfachen Sprache:
- Die Sätze haben durchschnittlich 8 bis 9 Wörter.
- Auf 100 Sätze kommen etwa 25 Nebensätze.
Dem gegenüber haben die Mustertexte der Leichten Sprache sechs Wörter pro Satz und nur wenige Nebensätze.
Aus diesem Vergleich können wir entnehmen, dass die Satzstruktur der Einfachen Sprache für einfach POLITIK passfähig ist.
(2) Die Texte sind in ihrer Gestaltung der LEICHTEN Sprache nahe.
Hier ist ein typisches Beispiel aus einem der Themenhefte. Das Textfeld wird aufgeteilt in große Schrift und Bilder, die direkt zum Inhalt passen. Die Zeilen sind dadurch relativ kurz. Der Text besteht aus vorwiegend kurzen einzelnen Sätzen, mit häufigen Aufzählungen. Seltener ist Fließtext mit aneinandergereihten Sätzen.

Die Texte in einfach POLITIK sind deutlich mit Elementen aus der Leichten Sprache gestaltet. Dabei heben sich die Bilder vom üblichen Stil der Leichten Sprache ab. Sie sind ansprechend für eine vielfältige Leserschaft.
(3) Die Texte sind in vielen Formulierungen der LEICHTEN Sprache nahe.
Wir haben die ausgewählten Texte von einfach POLITIK auf Formulierungen untersucht. Dazu diente uns das spezielle Tool KlarCheck-Light (näher beschrieben im Beitrag Was ist „leicht verständlich“?). In der folgenden Übersicht sind drei Beispiele mit hervorgehobenen typischen Formulierungen zitiert:

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1. Beispiel: Hier folgen auf einen Satz alleinstehende Oder-Sätze. Diese Abfolge löst eine längere Satzverbindung auf, um das Lesen zu erleichtern.
2. Beispiel: Dieser Text soll erklären, wie soziale Netzwerke funktionieren. Das geschieht anhand von Personen: Sie werden als lebendige Wesen charakterisiert, um einen komplexen Zusammenhang zu verdeutlichen.
3. Beispiel: Hier geht es um politisches Handeln, besonders in Gruppen von Menschen. Dazu dient ein wiederkehrendes Satzmuster: „Wenn Menschen [das tun], machen sie Politik.“ Dieses Muster erleichtert das Verstehen, indem es schrittweise von einem Aspekt zum nächsten führt.
Typisch für alle Beispiele ist, dass sie anspruchsvolle Themen mit möglichst leicht fasslichen Formulierungen übermitteln. Diese Aufbereitung ist hilfreich bei Lernschwierigkeiten, doch Menschen mit mehr Fähigkeiten kann sie unterfordern.
Leserschaft von einfach POLITIK
Die Angebote von einfach POLITIK sind bisher auf Leser und Leserinnen mit besonderen Bedürfnissen ausgerichtet:

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Das ist bereits eine breite Leserschaft. Doch der Zuspruch zu dem Angebot von einfach POLITIK hat das Zielpublikum beträchtlich erweitert. Immer mehr Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung greifen nach den Themenheften, dem Lexikon und den Onlineausgaben von einfach POLITIK. Welche Chancen würde da eine stärkere Annäherung an die Einfache Sprache eröffnen?
Verständlichkeit von bpb-Texten
Aus dieser Sicht gehen wir noch über einfach POLITIK hinaus und beziehen andere Angebote der Bundeszentrale ein. Dazu gehört in der Reihe „kurz & knapp“ das Angebot Hintergrund aktuell. Es beleuchtet die Hintergründe für aktuelle politische Ereignisse, Jubiläen und Jahrestage. Die Informationen sind auf je einer Webseite übersichtlich zusammengestellt.
Wir haben untersucht, wie verständlich die 10 neuesten Beiträge im Vergleich zu einfach POLITIK sind. Zusätzlich haben wir Stichproben von gewöhnlichen bpb-Artikeln zum Thema Politik getestet.
Die Verständlichkeit der Texte messen wir mit dem Index von der Hohenheimer Universität (HIX):
- Der HIX reicht von 0= unverständlich bis 20= sehr leicht verständlich.
- In der Mitte ab HIX 10 beginnt der verständliche Bereich.
- Etwa ab HIX 16 ordnen wir die Einfache Sprache ein.
Hier sind die Ergebnisse:

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Auffällig ist die große Spanne zwischen schwer verständlichen bpb-Texten und sehr leicht verständlichen Beiträgen in einfach POLITIK. Das Angebot von Hintergrund aktuell erreicht im Durchschnitt ein verständliches Niveau. Die einzelnen Beiträge sind jedoch breit gefächert: von sehr wenig bis gut verständlich. Die drei verständlichsten Beiträge sind:
- 1956: Das Wehrpflichtgesetz tritt in Kraft (HIX 16)
- „Ich halte es für historisch unproblematisch…“ (HIX 15)
- 13. August 1961: Bau der Berliner Mauer (HIX 14)
Das heißt, es gibt im bpb-Angebot noch einen großen Spielraum für mehr Verständlichkeit, speziell in dem Bereich der Einfachen Sprache. Die Beiträge von Hintergrund aktuell und vielleicht auch andere bpb-Texte könnten gewiss an Zuspruch gewinnen, wenn sie verständlicher wären.
Fragen zur Diskussion
Wie könnte Einfache Sprache das Angebot der bpb bereichern?
- Einfache Sprache kann niederschwellig sein: mit einfachen, kurzen Sätzen und gebräuchlichen Wörtern, aber im Stil der Standardsprache geschrieben. Könnten solche Angebote von einfach POLITIK den Nutzerkreis in Schulen und Erwachsenenbildung erweitern?
- Einfache Sprache lässt sich auf bestimmte Zielgruppen ausrichten, zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund. Sie lernen Deutsch auf Niveaustufen der Standardsprache. Könnte die bpb für diese Gruppe geeignete Themen in Einfacher Sprache anbieten?
- Einfache Sprache kann auch Fachthemen der bpb verständlich aufbereiten – für ein breites Publikum. Dazu brauchen die Fachleute außer inhaltlicher Kompetenz auch Expertise in Einfacher Sprache. Könnten sie dabei von Künstlicher Intelligenz unterstützt werden?
Sabine Manning
Nachweise
*)
Überarbeitete Fassung meines Beitrags zum Fachtag „einfach POLITIK reloaded“, den die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) am 13.8.2026 in Bonn veranstaltete. Moderiert wurde der Fachtag von Prof. Dr. Dorothee Meyer (Hochschule Hannover) und Wolfram Hilpert (bpb). Mein Beitrag „Verständlichkeit und Einfache Sprache“ basiert auf Analysen von multisprech.org.
**)
Texte: Für die Analyse haben wir drei Texte von einfach POLITIK ausgewählt:
- Bezahlen mit Daten (2019)
- Der Mensch gehört zur Natur – und verändert sie (2021)
- Was ist Politik? (2025)
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Bilder: aus einfach POLITIK – mit freundlicher Genehmigung von Wolfram Hilpert, Redakteur Referat 54 Didaktik und Inklusion, Bundeszentrale für politische Bildung (17.8.2026)
Hinweis:
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