Was sieben Custom-GPTs für Einfache Sprache leisten und wo ihre Grenzen liegen*)
Mit der Verbreitung generativer KI-Systeme hat sich die Arbeit an verständlichen Texten verändert. Sprachmodelle wie ChatGPT von OpenAI können Texte zusammenfassen, umformulieren, gliedern und erklären. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten für die Arbeit mit Einfacher Sprache: KI-Tools können erste Entwürfe erstellen, schwierige Inhalte strukturieren, Fachbegriffe erklären oder auf sprachliche Verständlichkeitsprobleme hinweisen.
Zugleich entstehen aber auch Risiken: Ein Text kann verständlicher klingen, ohne dass seine Bedeutung vollständig erhalten bleibt. Vereinfachungen und Zusammenfassungen können zu Auslassungen, Bedeutungsverschiebungen oder Übergeneralisierungen führen.
Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang sogenannte Custom-GPTs. Dabei handelt es sich nicht um eigenständig neu trainierte Sprachmodelle, sondern um für bestimmte Aufgaben konfigurierte Versionen von ChatGPT. Solche Systeme können auf wiederkehrende kommunikative Aufgaben zugeschnitten werden. Im Bereich Einfacher Sprache können sie beispielsweise Texte umformulieren, Wissen verständlich strukturieren oder sprachliche Merkmale prüfen.
Die KI-Tools von multisprech.org (Überblick) greifen genau diese unterschiedlichen Aufgaben auf. Sie lassen sich drei Bereichen zuordnen: „Klar & Verständlich“ und „Bürgernah“ vereinfachen und überarbeiten Texte, „Fachwissen kurz & klar“ und „Wiki-Bot“ strukturieren und erklären Wissen, während „KlarCheck-Direkt“, „KlarCheck-Index“ und „KlarCheck-Light“ ausgewählte Merkmale verständlicher Texte prüfen. Im Mittelpunkt stehen insbesondere drei Fragen:
- Bleibt bei der Vereinfachung die Bedeutung erhalten?
- Wie transparent sind Auswahl und Bewertung der Inhalte?
- Was können automatische Prüftools tatsächlich über Verständlichkeit aussagen?
Ein besonders anschauliches Beispiel liefert der Vergleich der beiden Schreibtools „Klar & Verständlich“ und „Bürgernah“.
Ein Verwaltungstext als Testfall
Für beide Tools wurde derselbe kurze Verwaltungstext verwendet:
Der Antrag ist vollständig ausgefüllt samt den erforderlichen Nachweisen binnen der angegebenen Frist einzubringen. Verspätet eingelangte oder unvollständige Anträge können nicht berücksichtigt werden.
Der Text enthält typische Merkmale institutioneller Kommunikation: eine unpersönliche Formulierung, komplexe Satzstrukturen, verwaltungsbezogene Begriffe und eine handlungsrelevante Aussage über die Folgen verspäteter oder unvollständiger Anträge.
Klar & Verständlich
„Klar & Verständlich“ erzeugte folgende Fassung:
Antrag richtig und pünktlich abgeben
Bitte füllen Sie den Antrag vollständig aus. Legen Sie alle erforderlichen Nachweise bei. Das sind die Dokumente, die als Beleg nötig sind. Reichen Sie alles innerhalb der angegebenen Frist ein. Die Frist ist der letzte Termin für die Abgabe. Anträge, die zu spät ankommen oder nicht vollständig sind, können nicht berücksichtigt werden. Das heißt: Sie werden nicht geprüft.
Der Output verändert die sprachliche und strukturelle Gestaltung deutlich. Die unpersönliche Ausgangsformulierung wird durch direkte Aufforderungen ersetzt. Der komplexe erste Satz wird in mehrere kurze Handlungsschritte zerlegt, und die Begriffe „Nachweise“ und „Frist“ werden unmittelbar erklärt. Dadurch werden Wortwahl und Informationsstruktur zugänglicher.
Problematisch ist jedoch die abschließende Erläuterung:
„Das heißt: Sie werden nicht geprüft.“
Diese Ergänzung ist nicht vollständig bedeutungsgleich mit „können nicht berücksichtigt werden“. „Nicht geprüft“ legt fest, dass keine Prüfung stattfindet, während „nicht berücksichtigt“ weiter gefasst ist. Die Erklärung verengt damit den Bedeutungsumfang des Verwaltungstextes. Der Output zeigt zugleich eine Stärke und eine Grenze generativer Vereinfachung: Er ist handlungsorientierter und sprachlich klarer, kann aber durch zusätzliche Erklärungen eine über das Original hinausgehende Aussage erzeugen.
Bürgernah: Vereinfachung mit Qualitätscheck
„Bürgernah“ erzeugte zunächst folgende Übersetzung:
Hinweis zur Antragstellung
Sie müssen den Antrag vollständig ausfüllen. Sie müssen alle nötigen Nachweise beilegen. Nachweise sind Belege oder Dokumente. Sie müssen den Antrag rechtzeitig einreichen. Die Frist ist der letzte Termin für die Abgabe. Wenn Ihr Antrag zu spät ankommt, wird er nicht geprüft. Wenn Ihr Antrag unvollständig ist, wird er auch nicht geprüft.
Auch dieser Output löst die komplexe Struktur des Ausgangstextes auf und spricht die Leser:innen direkt an. Wie bei „Klar & Verständlich“ werden „Nachweise“ und „Frist“ erklärt. Zugleich entstehen aber wieder zwei kleinere Bedeutungsprobleme: „innerhalb der angegebenen Frist“ wird zu „rechtzeitig“, und „nicht berücksichtigt“ wird erneut mit „nicht geprüft“ wiedergegeben.
Besonders interessant ist deshalb der anschließend angebotene Qualitätscheck. Er erkannte beide Veränderungen selbst. Zu „rechtzeitig“ hielt das Tool fest, dass die Formulierung zwar inhaltlich richtig, aber weniger genau sei als „innerhalb der angegebenen Frist“. Die Ersetzung von „nicht berücksichtigt“ durch „nicht geprüft“ bezeichnete es ausdrücklich als leichte Bedeutungsverschiebung und schlug wieder die präzisere Formulierung „nicht berücksichtigt“ vor.
Damit wird Bürgernah zu einem zweistufigen Werkzeug: Auf die erste Vereinfachung folgt eine Prüfung der eigenen Bearbeitung. Das erhöht die Nachvollziehbarkeit, ersetzt aber keine unabhängige fachliche Kontrolle. Gerade bei Verwaltungs-, Rechts- oder Gesundheitstexten bleibt deshalb menschliche Prüfung unverzichtbar.
Nicht alle Tools vereinfachen Texte
Die Untersuchung der anderen Multisprech-GPTs zeigt außerdem, dass KI-gestützte Verständlichkeitsarbeit weit über das bloße Umformulieren hinausgeht.
„Fachwissen kurz & klar“ und der „Wiki-Bot“ strukturieren komplexe Informationen neu. Sie wählen zentrale Inhalte aus, ordnen sie und stellen Zusammenhänge deutlicher heraus. Das erleichtert die erste Orientierung. Zugleich liegt darin aber auch eine mögliche Fehlerquelle: Was wird als wichtig ausgewählt? Welche Nebeninformationen entfallen? Welche Zusammenhänge werden stärker hervorgehoben als im Ausgangstext?
Die Grenze zwischen Zusammenfassung, Erklärung und Interpretation ist dabei nicht immer eindeutig sichtbar. Diese Beobachtung gehört zu den zentralen Ergebnissen der Analyse.
Kann KI Verständlichkeit messen?
Noch einmal anders arbeiten die drei KlarCheck-Tools. Sie erzeugen zunächst keinen neuen Text, sondern untersuchen bestimmte sprachliche Merkmale.
„KlarCheck-Direkt“ verbindet einen Lesbarkeitswert mit Einzelmerkmalen, „KlarCheck-Index“ ordnet Texte anhand mehrerer Werte zwischen verschiedenen Sprachstufen ein, und „KlarCheck-Light“ erfasst bestimmte Satz- und Wortkonstruktionen. Solche Prüfungen können Überarbeitungen unterstützen, sind aber keine Messungen tatsächlichen Verstehens.
Besonders deutlich wurde das an einem Text des österreichischen Parlaments, der ausdrücklich als Text in Einfacher Sprache veröffentlicht wurde. Einzelne Prüftools bewerteten bestimmte formale Eigenschaften dennoch deutlich kritischer. Das ist kein Beweis dafür, dass der Text unverständlich wäre. Es zeigt vielmehr, wie stark das Ergebnis davon abhängt, welche Merkmale ein Prüftool untersucht und mit welchen Vergleichswerten es arbeitet.
Verständlichkeit ist mehr als ein Indexwert.
Was folgt daraus?
Die sieben untersuchten Tools haben unterschiedliche Stärken.
Die Schreibtools können komplexe Formulierungen auflösen, Inhalte handlungsorientierter darstellen und Fachbegriffe erklären. Die Erkundungstools helfen, sich in umfangreichen oder anspruchsvollen Informationen zu orientieren. Die Prüftools machen sprachliche Auffälligkeiten sichtbar und können Anstöße für die Überarbeitung geben.
Keines der Tools kann jedoch allein gewährleisten, dass ein Text fachlich richtig ist, die Bedeutung des Ausgangstextes vollständig bewahrt, für eine bestimmte Zielgruppe geeignet ist und von dieser Zielgruppe tatsächlich verstanden wird.
Gerade bei generativer KI ist deshalb wichtig, die sprachliche Qualität eines Outputs nicht mit seiner inhaltlichen Zuverlässigkeit gleichzusetzen. Eine besonders klare und überzeugende Formulierung kann eine Bedeutungsverschiebung sogar schwerer erkennbar machen.
KI als Werkzeug – nicht als letzte Instanz
Die Untersuchung führt deshalb nicht zu dem Ergebnis, dass Custom-GPTs für Einfache Sprache ungeeignet wären. Im Gegenteil: Sie können viele Arbeitsschritte sinnvoll unterstützen.
Ihr größter Nutzen liegt dort, wo sie Vorschläge machen: für eine verständlichere Formulierung, eine klarere Struktur, eine Erklärung oder eine Stelle, die noch einmal überprüft werden sollte.
Die Entscheidung, ob ein Text tatsächlich angemessen ist, bleibt jedoch bei den Menschen, die ihn verantworten. Bei wichtigen Texten sollte dazu nach Möglichkeit auch die Zielgruppe selbst einbezogen werden.
Kurz gesagt:
KI kann verständliche Kommunikation unterstützen. Ob aus einem einfacheren Text auch ein richtiger und tatsächlich verständlicher Text wird, muss weiterhin geprüft werden.
Kurt Bergler
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*) Grundlage dieses Beitrags ist die Seminararbeit „Custom-GPTs für Einfache Sprache. Eine qualitative Untersuchung der Multisprech-Tools zum Schreiben, Erklären und Prüfen“, vorgelegt von Kurt Bergler im Sommersemester 2026 an der Universität Wien. Die vollständige Seminararbeit ist hier als PDF (https://www.bergler.cc/publikationen/bergler-2026-custom-gpts-einfache-sprache.pdf) verfügbar.
Hinweis zur Lizenz
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