Hauptsache verständlich!

Ein Streifzug durch die Regeln für Klare, Einfache und Leichte Sprache

Wir alle wissen wie schwer es ist, Texte von Behörden oder Beipackzettel für Patienten zu entziffern. Doch viele Menschen bei uns haben ständig mit schwierigem Deutsch zu kämpfen: rund 7,5 Mio. Menschen können zwar einzelne Wörter oder Sätze lesen, aber Texte nicht eigenständig erschließen. Weitere 13 Mio. scheitern an fachlichen Texten (vgl. leo-Studie 2011). Zudem ist für etwa 1 Mio. Menschen in unserem Land Deutsch die Zweitsprache (vgl. RAM-Studie 2008). Und besonders schwer haben es Menschen, die fast gar nicht lesen können, meist infolge einer Lernschwäche oder Behinderung (allein 0,5 Mio. mit Lesestörung: Langenfeld 2006).

Nichts liegt näher als für diese Zielgruppen ein verständlicheres Deutsch anzubieten, das zum Lesen und Lernen ermuntert. Vorab ein anschauliches Beispiel:

Mehrere Arten verständlicher Sprache lassen sich unterscheiden:

  • Am bekanntesten ist die Leichte Sprache, für die umfassende Regeln entwickelt wurden. Sie ermöglicht vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen, an der Gesellschaft teilzuhaben.
  • Breiter ist das Spektrum der Einfachen Sprache, die für Menschen mit  unterschiedlichen Leseschwierigkeiten angeboten wird (vgl. Einfache Sprache zu entdecken). Diese Sprachvariante ist (bisher) nicht geregelt. Doch die verschiedenen Anbieter arbeiten mit eigenen Regeln, die sich weitgehend ähneln. Das ergab unsere Analyse von 14 Angeboten: Bücher, Zeitungen, Nachrichtenportale, Verwaltungstexte und Blogs (vgl. Übersicht).
  • Hilfreich ist schließlich die Klare Sprache, speziell die Klartext-Initiative der Universität Hohenheim: Sie lässt Beamten- und Kanzleideutsch aus Texten verschwinden und ermöglicht leserfreundliche Patienteninformationen (vgl. Beipackzettel – versteh ich nicht!). Die Basisregeln sind in einer Klartext-Checkliste zugänglich. Die Textbearbeitung wird von einer Software (TextLab) unterstützt.

Wie funktionieren diese Sprachvarianten? Welche sprachlichen Regeln nutzen sie, um einen Text verständlich zu machen? Worin besteht – bei aller Vielfalt – ihr gemeinsamer Nenner? Aufschlussreich hierfür ist ein Vergleich der sprachlichen Merkmale, die in den Regeln für Klare, Einfache und Leichte Sprache enthalten sind. Diese Merkmale lassen sich auf mehreren Ebenen vergleichen: Wort, Satz, Text und Layout. Die wichtigsten Ergebnisse sind nachfolgend zusammengefasst.

Klare, Einfache und Leichte Sprache stimmen in den meisten Merkmalen überein. Hier sind die gemeinsamen Ratschläge:

  • Verwende möglichst einfache und bekannte Wörter.
  • Wähle ein Wort für einen Begriff: gleiche Wörter für gleiche Dinge.
  • Bevorzuge kurze Wörter; trenne zusammengesetzte Wörter oder verwende Bindestrich bzw. nutze Mediopunkt (Leichte Sprache).
  • Benutze viele Verben und aktive Wörter, aber wenige Hauptwörter.
  • Ersetze Fremd- oder Fachwörter möglichst durch übliche deutsche Wörter oder erkläre sie.
  • Erkläre unbekannte Abkürzungen; verzichte auf bürokratische Abkürzungen (a.a.O.).
  • Schreibe kurze Sätze (max. 20 Wörter für Klartext/ 15 Wörter für Einfache Sprache).
  • Vermeide möglichst das  Passiv; wähle stattdessen einen aktiven Ausdruck.
  • Konzentriere den Text auf das Wesentliche; verzichte auf unwichtige Einzelheiten.
  • Sprich die Leser*innen direkt an.
  • Gliedere den Text übersichtlich und anschaulich (mit Absätzen, Zwischenüberschriften und Hervorhebungen).

Mit diesen elf Punkten lassen sich bereits die wichtigsten Merkmale verständlicher Sprache umreißen.

Einfache und Leichte Sprache teilen mehrere Merkmale, die über die elf Punkte hinausgehen:

  • Konjunktiv und Präteritum (bei Verben) sowie Genitiv (bei Nomen) sparsam einsetzen (Einfache Sprache) bzw. vermeiden (Leichte Sprache).
  • Metaphern möglichst vermeiden.
  • In jedem Satz wird nur eine Sache erklärt (Einfache Sprache); pro Satz ist nur eine Aussage zulässig (Leichte Sprache).
  • Vorzugsweise Hauptsätze verwenden; zusätzlich höchstens ein Nebensatz, keine Verschachtelung (Einfache Sprache); Nebensätze jeder Art sind verboten (Leichte Sprache).
  • Möglichst die Reihenfolge Subjekt – Prädikat – Objekt einhalten.
  • Bilder sollen den Text verständlicher machen; wichtig: Bilder mit klarer Aussage und eindeutigem Text-Bezug (Leichte Sprache) verwenden.
  • Für das Schriftbild gilt: große Abstände zwischen den Zeilen (möglichst 1,5), keine Worttrennung am Zeilenende, große Buchstaben (mindestens 12 für Einfache Sprache/ 14 für Leichte Sprache), serifenlose Schrift.

Diese gemeinsamen Merkmale sind allerdings unterschiedlich gewichtet: bei Leichter Sprache beziehen sie sich auf ein Regelwerk, bei Einfacher Sprache auf die Regeln einzelner (z.T. weniger) Anbieter. Einfache Sprache bietet eben mehr Freiraum, ist aber auch offen für gegenseitige Anregung!

Für die Leichte Sprache gelten noch spezielle Vorgaben (zusätzlich zu den oben genannten), insbesondere:

  • Personen und Dinge immer benennen: nicht durch Personalpronomen ersetzen.
  • Hohe Zahlen und Prozentzahlen vermeiden (statt 2.540 : viele).
  • Nur einen Satz pro Zeile schreiben (Satz immer auf neuer Zeile beginnen).

Die speziellen Vorgaben in Leichter Sprache sollen Texte vor allem für Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen verständlicher machen. Doch viele Angebote in Einfacher Sprache schließen diese Zielgruppe ebenfalls ein (siehe Vergleich nach Zielgruppen). Insgesamt zeigt die Analyse der Merkmale, wie eng Einfache und Leichte Sprache miteinander verbunden sind. Sie streben einen höheren Grad der Verständlichkeit an als die Klare Sprache, grenzen aber die sprachlichen Ausdrucksmittel stärker ein.

Die Leserschaft kann also zwischen verständlichen Texten auf unterschiedlichem Niveau wählen. Welche Regeln dabei angewandt wurden, bleibt bei der Lektüre verborgen – allein der Leseerfolg zählt. Wie verständlich ein Text aber ist, hängt nicht nur von den sprachlichen Regeln ab: wesentlich hierfür sind der Inhalt und die Kunst des Erzählens!

Sabine Manning

Bildnachweis:

Deutschlandfunk: nachrichtenleicht: Der Wochen-Rückblick in einfacher Sprache: „Kein Fahr-Verbot mehr“. Kultur, 29. September 2017 [Link]. Ausschnitt des Artikels – mit freundlicher Genehmigung der DLF-Nachrichtenredaktion (26.10.2017)

 

 

 

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2 Gedanken zu “Hauptsache verständlich!

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